Andrea Zinsli im Interview mit der Zukunft

Andrea Zinsli, Bereichsleiter Netz, stellt sich den entscheidenden Fragen der Energiezukunft. Wie zum Beispiel Strom durchs Gasnetz fliessen kann und umgekehrt. Wie wir unsere Energienetze für die kommenden Generationen fit machen. Setzen Sie mit Andrea Zinsli auf die richtige Energie.

Andrea Zinsli, Bereichsleiter Netz, Mitglied der Geschäftsleitung

Herr Zinsli, Sie sind Bereichsleiter Netz bei Energie 360°. Ich frage gleich direkt: Wie viel Gasnetz braucht es in Zukunft?
Bis 2050 wird sich der Gasabsatz in der Schweiz durch energiepolitische Rahmenbedingungen stark reduzieren und muss zunehmend erneuerbar werden. Gasnetze mit hoher Gasabsatzdichte – wie für Industrie und Gewerbe – sowie Spitzenlastabdeckung für Wärmenetze werden wichtig bleiben. Gasverteilnetze mit geringer Absatzdichte werden immer weniger rentieren und etappenweise stillgelegt. Das erneuerbare Energiesystem der Zukunft wird aber auch geprägt sein durch Kopplung von Strom und Gas. Dafür brauchen wir auch zukünftig einiges an Gasinfrastruktur.

Herr Zinsli, das hört sich jetzt aber doch sehr abenteuerlich an. Strom durchs Gasnetz schicken?
Sie haben recht, auf den ersten Blick scheint es ein unmögliches Unterfangen, aber in Zukunft ist es doch möglich. Es ist alles eine Frage der Transformation, und diese Transformation heisst Power-to-Gas. Für mich ist Zukunft keine Fiktion. Sie beginnt in jedem Moment – mit fundiertem Wissen. Experten von Energie 360° haben zusammen mit dem Paul-Scherrer-Institut einen Pilotversuch im Klär- und Vergärwerk Zürich Werdhölzli gestartet und wurden dafür 2018 vom Bundesamt für Energie mit der höchsten Auszeichnung geehrt, dem Watt d’Or.

Herr Zinsli, für mich als Laien: Sie meinen, ich kann meinen Stromstecker einfach ins Gasnetz stecken?
Das wäre zu einfach. Power-to-Gas ist etwas komplexer. Stellen Sie sich vor, es gibt viel Wind oder viel Sonne und es wird mehr Strom erzeugt, als genutzt werden kann. Früher hat man den überschüssigen Strom einfach in den Boden abgeleitet. Mit Hilfe der Power-to-Gas-Technik kann dieser überschüssige Strom in erneuerbares Gas umgewandelt, im Gasnetz transportiert und in Gasspeichern gesammelt werden. Später, z. B. im Winter, läuft es dann umgekehrt: Aus dem Gas erzeugen wir wieder Wärme oder Strom. Und dann können Sie wie gewohnt Ihren Stecker in die Steckdose stecken.

Herr Zinsli, ich verstehe. Dann heisst ‘Auf die richtige Energie setzen’, auch die Gasnetze mit einzubeziehen als ein Teil der Energiezukunft?.
Richtig. Das Gasnetz ist bereits vorhanden und funktioniert. Unser Gasnetz besteht aus sicheren Rohren unter der Erde. Diese handfeste, physische Infrastruktur gilt es zum einen effizient zu unterhalten und zum anderen müssen wir die Netzinfrastruktur fit machen für erneuerbare Gase wie Wasserstoff. Auch ohne Power-to-Gas kann unser Gasnetz schon heute eine nachhaltige Energiezukunft ermöglichen. Wenn Sie wollen, können Sie ab sofort mit 100 % Biogas Ihr Haus heizen oder kochen. Oder Sie beschleunigen mit 100 % Biogas mobil in die Zukunft – mit einem gasbetriebenen Auto.

Herr Zinsli, setzen Sie schon ‘Auf die richtige Energie’?
Wenn ich an meine Familie und meine Freunde denke oder an die kommenden Generationen, ist es höchste Zeit, dass jeder selbst Verantwortung für sein Handeln und Leben übernimmt. Ich versuche immer mehr, mein Leben erneuerbarer und ressourcenschonender auszurichten. So fährt mein Auto mit 100 % Biogas und in Zukunft auch elektrisch. Ich reise zum Beispiel gerne in ferne Länder und lasse mich von anderen Kulturen inspirieren. Diesen Austausch halte ich übrigens für besonders wichtig. Gerade hier stellen sich aber einschneidende Fragen: Wie viel Reisen verträgt das Klima? Wie kann man CO2 am effektivsten kompensieren? Wie kann ich meinen CO2-Fussabdruck minimieren? Wir haben uns für eine 2000-Watt-Gesellschaft entschieden, und jetzt müssen wir auch die richtigen Schritte für eine nachhaltige Energiezukunft machen.

Herr Zinsli, Hand aufs Herz, bis wann schaffen wir eine nachhaltige Energiezukunft?
Ab morgen! Machen Sie mit? Es beginnt wie mit allem – mit der Einsicht. Es gibt eben nur eine Welt, ein Klima und uns. Wir können in die Geschichte eingehen als die Generation, die alles wusste, aber es nicht geschafft hat. Oder wir können die Generation werden, die den kommenden Generationen eine nachhaltige Zukunft ermöglicht hat. Zuerst die Einsicht und dann handeln. Auf einen «Big Bang» zu warten, wäre meiner Ansicht nach falsch. Mit der richtigen Einsicht bringen uns auch stetige Taten schneller ans Ziel. Beginnen wir morgen mit dem ersten Schritt.

Herr Zinsli, was müsste passieren, damit sich mehr Menschen für eine nachhaltige Zukunft engagieren?
Es ist wie bei so vielen menschlichen Bedürfnissen. Jeder lebt in seiner eigenen Komfortzone und die will man eigentlich nicht verlassen. Das heisst, der Handlungsdruck müsste für alle sehr gross werden oder die Anreize sehr hoch sein. Im Hinblick auf die neuesten Klimastudien ist der Druck schon riesig, kaum ein europäisches Land erreicht seine Klimaziele. Das Schlimme: Die Auswirkungen des Klimawandels kommen mit Verzögerung. Dass wir zum siebten Mal das heisseste Jahr in Folge hatten, liegt zum Teil in den 90er Jahren begründet. Ich persönlich bevorzuge Anreize anstelle von Verboten. Unterstützung beim Umstieg der Mobilität oder unterstützende Rahmenbedingungen für neue Technologien, wie Power-to-Gas.

Herr Zinsli, was wünschen Sie sich persönlich von der Zukunft?
Beruflich wünsche ich mir vor allem spannende und sinnvolle Aufgaben, wie wir zum Beispiel zusammen mit Mitarbeitenden und Kundinnen und Kunden das Umdenken und Umsteigen auf erneuerbare Energien vorantreiben können. Privat wünsche ich mir vor allem Gesundheit, Zufriedenheit und Erfolg.

Herr Zinsli, vielen Dank für Ihr Interview mit der Zukunft.
Ich habe zu danken.

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