Auf dem richtigen Weg

Cornelia Brandes berät Energieversorgungsunternehmen im Bereich Nachhaltigkeit. Sie beobachtet ein grosses Bewusstsein für die notwendigen Veränderungen und hat Respekt vor den Anstrengungen der fortschrittlichen Energieversorgungsunternehmen. Es sind allerdings noch grosse Schritte nötig, um Wirtschaftlichkeitskriterien mit den Ansprüchen der Ökologie in Einklang zu bringen, sagt die Beraterin.

Was heisst Nachhaltigkeit für Sie persönlich?

Vieles mache ich noch nicht konsequent genug. Ich versuche, die meisten Lebensmittel aus lokaler oder regionaler Produktion im Bioladen oder auf dem Markt zu kaufen und schaue, dass ich möglichst wenig Lebensmittel verschwende. Tiergerechte Haltung ist mir zudem sehr wichtig. Neue Kleider kaufe ich, wenn ich etwas brauche. Das ist ein Vorteil des Alters: Ich muss nicht jeden Trend mitmachen. Ich achte darauf, dass meine Kleidung in Europa produziert wurde – hoffentlich unter fairen Arbeitsbedingungen. Leider suche ich Angaben dazu häufig vergeblich. Wir heizen zuhause und im Büro zudem mit 100% Biogas und beziehen zu 100% Ökostrom naturemade star. Der Leitsatz «weniger ist mehr» ist für mich eine Möglichkeit, Nachhaltigkeit zu leben.

Sie beraten Energieversorgungsunternehmen (EVU) bezüglich Nachhaltigkeit in der Energiepolitik, der Energieversorgung und der Energiewirtschaft. Teilen die Unternehmen Ihre Ansicht von Nachhaltigkeit?

Das Verständnis dafür ist in der Schweiz sehr gewachsen. Deshalb decken sich die grundsätzlichen Vorstellungen meistens. Die Bereitschaft für Veränderung ist da. Das ist eine wichtige Grundlage.

Was ist Ihre Erwartungshaltung an die EVU?

Energie ist im Kontext der Klimadiskussion ein sehr wichtiges Thema: Mehr als drei Viertel des CO2-Ausstosses in der Schweiz werden durch den Verbrauch von Energie verursacht. Deshalb spielt die Energiebranche als Anbieterin eine wichtige Rolle beim Klimaschutz. Nachhaltigkeit ist aber nicht nur Klima-, sondern auch Naturschutz – das darf nicht vergessen gehen. Ich erwarte von EVU grundsätzlich dasselbe, wie ich von mir selber erwarte: Veränderungen ernst nehmen und verstehen, Visionen, Strategien, Prozesse und Angebote analysieren und anpassen. Wichtig dünkt mich, dass Unternehmen in diesem Prozess sehr transparent agieren und auch Schwierigkeiten kommunizieren.

Porträt Cornelia Brandes

Cornelia Brandes ist Inhaberin und Geschäftsleiterin der Brandes Energie AG sowie Geschäftsleiterin des Vereins für umweltgerechte Energie (VUE) mit dem Label naturemade. Sie ist Energiestadtberaterin, internationale Beraterin und Auditorin bei European Energy Award und ist Teil der Geschäftsstelle der Initiative Energie-Vorbild des Bundes. Sie ist verheiratet und lebt in Zürich.

Wie machen Sie die ökologische Nachhaltigkeit messbar?

Bei der Bewertung von Energiesystemen mit dem Label naturemade arbeiten wir beispielsweise mit Ökobilanzen. Diese Methode schärft anhand von konkreten Daten und Vergleichswerten das Bewusstsein dafür, wie ökologisch die Angebote des EVU schon sind. Die Ökobilanzen bilden aber den Naturschutz noch sehr begrenzt ab – da suchen wir gegenwärtig nach Ergänzungen in den Ökobilanzierungsmethoden. Wichtig sind für die ökologische Wasserkraft auf jeden Fall auch die greenhydro-Kriterien, welche zusammen mit der Eawag entwickelt wurden und werden: Produktionsstandorte achten neben der erneuerbaren Energiegewinnung bewusst auch auf die ökologische Nachhaltigkeit. Dass beispielsweise der Betrieb eines Wasserkraftwerks die Lebewesen im Wasser und am Ufer nicht gefährdet.

In welchem Nachhaltigkeitsbereich gibt es den grössten Nachholbedarf?

Die Ökologisierung der Energieversorgung in der Schweiz ist eine Herausforderung für alle drei Ebenen der Nachhaltigkeit – also der ökologischen, ökonomischen und sozialen Ebene. Ich halte die Vorgabe bezüglich Ökologie noch am einfachsten. Der Umbau muss aber eben nachhaltig sein, das heisst, auch ökonomisch funktionieren und insbesondere Antworten auf Veränderungen bezüglich der Arbeitsplätze finden. Viele EVU ringen in den Nachhaltigkeitsbereichen Wirtschaftlichkeit und Soziales um passende Lösungen. Die Veränderungen sollen und können ja auch Geschäftschancen eröffnen. Dafür sind oft schwierige Entscheidungen nötig, die durchaus mit Risiken behaftet sind. Zudem sind Veränderungen bei vielen EVU in politische Prozesse mit vielen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern eingebunden. Das braucht die nötige Zeit.

Was gibt es konkret noch zu tun?

Wichtig ist, auch direkt bei Kundinnen und Kunden ein Bewusstsein für den Mehrwert von nachhaltiger Energie zu schaffen. Wir erhalten von EVU oft die Rückmeldung, dass die Konsumentinnen und Konsumenten nicht bereit sind, für grüne Energie mehr zu bezahlen. Die Schaffung eines solchen Bewusstseins bedingt, dass Kundinnen und Kunden gut informiert sind: Was ist nachhaltige Energie? Weshalb ist sie besser als andere? Und warum ist erneuerbare Energie nicht immer gleich nachhaltige Energie? Es braucht klare Definitionen und fassbare Erklärungen für den ökologischen Mehrwert. Da können EVU und auch die Gesetzgeber den Verbraucherinnen und Verbrauchern Sicherheit geben. Zum Beispiel mit einem Label, wie es der Verein für umweltgerechte Energie mit dem Label für nachhaltige Energie «naturemade star» anbietet.

Müsste die Entwicklung zu nachhaltiger Energie schneller vorangehen?

Wirklich nachhaltige Prozesse brauchen immer Zeit. Das Wahlresultat vom Herbst hat gezeigt, dass auch ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung diese Entwicklung grundsätzlich stützt. Ich bin sicher, dass jetzt Veränderungen einfacher möglich sind, wenn sie sorgfältig vorbereitet werden – und auch von einem grossen Teil der Gesellschaft erwartet werden.

Sie arbeiten auch am «EVU-Benchmarking» zum Thema Energieeffizienz und Erneuerbare Energien mit. Der aktuelle Bericht analysiert Daten aus den Jahren 2017 / 2018. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse daraus?

Die Untersuchung zeigt, dass EVU stetig nachhaltiger werden. Das ist sehr erfreulich. Zudem beteiligen sich immer mehr Unternehmen am Benchmarking. Das zeigt, dass viele EVU die Themen ernst nehmen und einen Vergleich mit anderen nicht scheuen.

Viele Unternehmen publizieren eigenständig Nachhaltigkeitsberichte. Wie wichtig ist dieses Instrument?

Das ist sehr wichtig. Die transparente Berichterstattung mit geeigneten Indikatoren ist eine Voraussetzung für Verbesserungsprozesse.

Wie gut sind die schweizerischen Energieversorgungsunternehmen (EVU) darauf vorbereitet, den Anteil an erneuerbarer Energie zu erhöhen und die Energieeffizienz zu steigern? Das vom Bundesamt für Energie (BFE) in Auftrag gegebene Benchmarking gibt Antwort darauf: In der Erhebungsrunde 2017/18 wird Energie 360° eine grosse Vorbildwirkung attestiert. Dies aufgrund des Umweltmanagementsystems, des hohen Ökologisierungsgrads der Fahrzeugflotte und der Deckung des betriebseigenen Wärmebedarfs mit 100% Biogas.

Mehr zum EVU-Benchmarking

Umweltmanagement von Energie 360° kennenlernen

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Comments

  1. Avatar Maurer says:

    Solange energie360° mit ihrem Contracting-System operiert -welches höhere Heizkosten für Immobilienbesitzer (und Mieter) bedeutet (um 50% und mehr) bedeutet- werden viele Eigentümer (und Institutionen) sich bei einem Ersatz des Heizsystems sich wohl eher für eine konventionelle Lösung entscheiden – SCHADE!

    Elektromobilität ist unbedingt umweltfreundlich. Woher kommt der Strom? Aufwand für das Herstellen von Batterien (diese müssen periodisch ersetzt werden / Receycling problematisch)?

    • Avatar Seyb Michelle says:

      Lieber Herr Maurer
      Contracting beinhaltet sämtliche Kosten für Finanzierung, Bau, Betrieb, Instandhaltung und Ersatzin-vestitionen über die gesamte Vertragslaufzeit. Bei der Preisbildung werden somit die Vollkosten für die Bereitstellung der Energie berücksichtigt. Wird die Eigenlösung mit den gleichen Kostenelementen gerechnet, ergeben sich im Normalfall nur geringfügige Differenzen zu einer Contractinglösung. Sie kennen offenbar ein Beispiel, wo dies nicht zutrifft. Wir sind gerne bereit, diesen Fall gemeinsam zu analysieren.
      Betreffend Elektromobilität haben Sie recht. Deshalb sollte für eine möglichst exakte CO2-Bilanz auch der CO2-Ausstoss bei Herstellung und Entsorgung des Autos berücksichtigt werden. Bei einer sol-chen Gesamtbetrachtung zeigt sich: Am besten schneiden Autos ab, die zum Fahren erneuerbare Energien nutzen – also Elektromobile, die mit Ökostrom fahren. Mit Ökostrom verursacht ein Elektro-fahrzeug sehr geringe CO2-Emissionen und beim Fahren werden keine Luftschadstoffe produziert. Ein Elektromotor ist etwa vier Mal effizienter als ein Verbrennungsmotor – die eingesetzte Energie wird also viel besser genutzt.
      Freundliche Grüsse Ihr Energie 360° Team