Australisches Megaprojekt: erneuerbare Energie als das neue Gold

Ob Wind oder solar: Australien ist ein Eldorado für erneuerbare Energien. Derzeit befindet sich beispielsweise das Megaprojekt Kidston Clean Energy Hub im Bundesstaat Queensland im Bau. Wie aus einer alten Goldgrube ein solarbetriebenes Pumpspeicherwerk wird.

Zwei mit Wasser gefüllte ehemalige Goldgruben zeigen den Kidston Clean Energy Hub, im Bundesstaat Queensland, Australien, mit Solarfarm.

Einst Touristenattraktion, heute für die Öffentlichkeit geschlossen: Die Rede ist von der ehemals grössten offenen Goldmine Australiens, der Kidston Gold Mine. Der australische Goldrausch war längst im Gang, als man Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auch im Nordosten des Landes solch edles Metall entdeckte. Genauer gesagt in Oak’s Rush, im Bundesstaat Queensland, einem Nest irgendwo im Outback, ungefähr fünf Autostunden südwestlich der Stadt Cairns. Man schrieb das Jahr 1907, als Abenteurer dort auf alluviales Gold stiessen. Gold also, das der örtliche Copperfield River anschwemmte. Dieser Fund löste in der Gegend einen Goldrausch aus. Gemäss der Überlieferung wurde Oak’s Rush im Frühling 1908 in Kidston umbenannt – zu Ehren des damaligen Premiers von Queensland. Die staatlich orchestrierte Goldsuche im dortigen quarzhaltigen Boden verlief äusserst erfolgreich. Nach fast hundert Jahren aber war Schluss, die Tagebau-Goldmine diente aus. Übrig blieb eine Ortschaft, die bald wieder ähnlich verlassen war wie vor dem Goldrausch – und zwei gigantische Löcher.

 

Alter, verrosteter Lastwagen im Sonnenuntergang im Outback, wo sich der Kidston Clean Energy Hub befindet, im Bundesstaat Queensland, Australien.

Ein Relikt aus alten Zeiten: Nach rund hundert Jahren hatte die Goldmine ausgedient, Kidston wurde wieder zu einem verlassenen Ort.

Früher Gold, morgen erneuerbare Energie

Nun, die Zeiten haben sich geändert. Auch wenn Gold nach wie vor zu den begehrtesten Materialien gehört, so steht in der heutigen Welt und im Zuge der globalen Energieziele die Suche nach etwas anderem im Fokus: die Suche und Förderung erneuerbarer Energien beziehungsweise deren Speicherung. «From old mine to renewables goldmine», bringt das australische Stromerzeugungsunternehmen Genex Power sein Vorhaben in Kidston werbe- und imagewirksam auf den Punkt. Wie wahr: Genex Power setzt am Standort der alten Mine ein Megaprojekt um, das sich dereinst durchaus als unerschöpfliche und nachhaltige Goldgrube erweisen kann. Eine allerdings, der nicht Edelmetall, sondern eben erneuerbare Energie entspringt.

 

Energie anderswo

Immer wieder blickt Energie 360° im Magazin über Zürich und die Schweiz hinaus: Wir berichten, wie andere Länder erneuerbare Energien nutzen, welche Klimaziele sie setzen und wie die ökologische Mobilität andernorts Fahrt aufnimmt.

 

Es handelt sich dabei um das erste integrale Solar- und Pumpspeicherwerkprojekt der Welt. Und die Eckdaten des Projekts beeindrucken tatsächlich. Im Endausbau soll der sogenannte Kidston Clean Energy Hub nämlich in der Lage sein, rund 280 000 Haushalte mit erneuerbarer Energie zu versorgen – das entspricht fast dem gesamten Haushaltsbestand des Kantons Aargau. Die Menge an CO2, die man dabei im Vergleich zur fossilen Energieerzeugung einspart, ist ebenfalls beträchtlich. Genex Power gibt die Einsparung in einem Erklärfilm (siehe unten) sozusagen in Pick-ups an – eine wohl nicht ganz ernst gemeinte, inoffizielle australische Währung. Auf den Punkt gebracht: Die CO2-Reduktion entspricht etwa dem jährlichen Ausstoss von 33 000 fiktiven Pick-ups. Wie soll das Ganze funktionieren?

 

 

Solarenergie kombiniert mit einem Pumpspeicherwerk

Dass hinter solch gigantischen Vorhaben eine komplexe und hoch technologisierte Infrastruktur steht, versteht sich von selbst. Dennoch schafft es Genex Power, das Vorhaben in mehreren kurzweiligen Videos und in verständlicher Sprache zu erklären. Erinnern Sie sich an die zwei eingangs erwähnten Löcher, welche die Goldmine hinterlassen hat? Diese Löcher sind etwa 350 Meter tief und bilden die Basis des Projekts – sozusagen als gigantische Pools, die man wahlweise mit Wasser füllt oder eben entleert. Damit sind wir beim Grundprinzip eines Pumpspeicherwerks angelangt.

 

Eldridge Pit gefüllt mit Wasser, obere Grube des Kidston Clean Energy Hub, im Bundesstaat Queensland, Australien.

Der Eldridge Pit: Die obere Grube ist wie auch das untere Becken, der Wises Pit, etwa 50 Hektar gross.

In Kidston existieren eine untere und eine obere Grube, der Wises Pit und der Eldridge Pit. Das Projekt sieht vor, die beiden je mehr als 50 Hektar grossen Pits durch eine unterirdische Druckrohrleitung miteinander zu verbinden. Bei einem Überangebot an Strom befördern Pumpen das Wasser aus dem Unter- ins Oberbecken. Während Spitzenzeiten fliesst das Wasser wieder herab, wobei man mittels Turbinen erneuerbare Energie erzeugt und ins Netz speist. Je nach Füllstand beträgt die Fallhöhe des Wassers zwischen 218 und 181 Meter. Die Anlage lässt sich bei Bedarf innerhalb von dreissig Sekunden zur Stromproduktion hochfahren. Energie aus einer 50-Megawatt-Solarfarm liefert Energie für das ausgeklügelte System. Sie wurde 2017 gebaut. Zudem erwägt Genex in Kidston den Bau eines 150-Megawatt-Windparks – und ein weiteres Solarfeld. Die geplanten Solarpanels produzieren im Endausbau Strom mit einer Leistung von 270 Megawatt. Das entspricht ungefähr der Leistung an Photovoltaikanlagen, die gemäss der Bundesnetzagentur im Jahr 2019 in ganz Deutschland neu gemeldet wurden.

 

Wolken am Himmel bei der Solarfarm Kidston Clean Energy Hub, im Bundesstaat Queensland, Australien.

Manchmal bewölkt, meist sonnig: Australien gilt als Eldorado für erneuerbare Energien, insbesondere für Solar- und Windenergie.

Den «Goldstrom» gibt’s ab 2024

Starke Sonneneinstrahlung, beste geologische Bedingungen: Auch wenn die Voraussetzungen in Kidston gut sind, baut sich ein derartiges Megaprojekt nicht von selbst. Um die ehemalige Goldmine in einen Stromspeicher umzuwandeln, ist ein Kraftakt sondergleichen nötig. Ob für Erdarbeiten, den Strassen- und Tunnelbau oder für den Bau des Umspannwerks und den Betrieb der Planungs- und Administrationsgebäude – in der Nähe der Mine hat man Unterkünfte für rund fünfhundert Arbeiterinnen und Arbeiter errichtet. Zudem gilt auf der nahegelegenen Flugbahn das Prinzip Fly-in fly-out. Spezialisten, Arbeiterinnen und Verantwortliche werden laufend ein- und nach getaner Arbeit wieder ausgeflogen. Genex Power teilt denn auch mit, dass das Unternehmen mit dem Bau der Anlage «haufenweise Jobs» schaffe. Die Projektentwickelnden rechnen mit Kosten von umgerechnet über einer halben Milliarde Schweizer Franken. Einen Grossteil davon übernimmt der staatliche Nordaustralische Infrastrukturfonds. Läuft alles planmässig, soll der Kidston Clean Energy Hub 2024 ans Netz gehen.

 

Australien als Turbo für «Renewables»?

Eines gleich vorneweg: Australien ist gemäss dem Statistikportal statista.com hinter Indonesien der zweitgrösste Kohleexporteur der Welt. Auch wenn der Druck aus dem In- und Ausland steigt, legt die Regierung bislang keine langfristige Emissionsstrategie vor. Dahinter stecken wohl – wie so oft in der Politik – Machtspiele und wirtschaftlicher Druck. Während die Regierung also hauptsächlich auf Kohle und Gas setzt, sind durchaus spannende Projekte zur Förderung erneuerbarer Energie am Laufen. Denn Australien ist gleichzeitig auch jenes Land, wo derzeit pro Kopf am meisten Solar- und Windanlagen ans Netz gehen. Gemäss einem Szenario der australischen Elektrizitätsmarkt-Organisation Aemo versorgt sich das Land – vorausgesetzt, die Entwicklung verläuft ähnlich schleppend wie bisher – im Jahr 2040 erst zu drei Viertel mit erneuerbarer Energie. Was auf der einen Seite vielversprechend klingt, kommt bei einem Land wie Australien, das über beste klimatische Voraussetzungen für «Renewables» verfügt, eher einem Kriechgang gleich.

 

Schematische Darstellung der Funktionsweise eines Pumpspeicherwerks.

Rauf und wieder runter: Wird das Wasser hochgepumpt, füllt sich der obere Speicher – beim Ablassen wiederum produziert das Wasser mittels Turbinen elektrische Energie.

Pumpspeicherwerke in der Schweiz

In der Schweiz gibt es derzeit 15 Pumpspeicherwerke. Gemäss dem Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) übernehmen Pumpspeicherwerke künftig auch in der Schweiz eine immer wichtigere Rolle. Denn damit lässt sich zwar kein zusätzlicher Strom produzieren, aber Strom indirekt speichern und bei Bedarf zur Verfügung stellen. Im Hinblick auf den Ausbau stochastischer Energiequellen wie Wind- und Solarkraft können Pumpspeicherwerke eine Art Batteriefunktion für Ökostrom übernehmen und so zur Versorgungssicherheit und zur Netzstabilität beitragen.

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