Waldbewirtschaftung ist ein Generationenprojekt

Der Wärmeverbund Breiti West in Embrach wird erweitert. Das bedeutet auch: Es braucht mehr Holz für die Heizzentrale. Doch wie viel gibt der Wald her, ohne dass wir ihn langfristig übernutzen?

Ein gefällter Baum, an dem man die Schnittfläche mit den Jahresringen sieht.

Im Wald herrschen andere Zeitdimensionen. Bis aus einem Schössling ein stattlicher Baum gewachsen ist, der unzähligen Tieren und Mikroorgansimen Schutz und Lebensgrundlage bietet, dauert es Jahrzehnte. Dagegen scheint die Lebenszeit eines Menschen unbedeutend. Und trotzdem liegt es in unserer Macht, den Wald entscheidend zu prägen. Denn wo heute ein Baum gefällt wird, steht morgen nicht sofort ein neuer.

 

Klimafreundliches Energieholz

Rund ein Drittel der Schweiz ist Wald. Hier werden im Jahr durchschnittlich 4,6 Millionen Kubikmeter Holz geerntet. Daraus entstehen Gebäude, Möbel, Verpackungen oder Papier – und Wärme. So auch in Embrach. Bei der Sporthalle Breiti versteckt sich eine moderne Holzverbrennungsanlage, welche die Haushalte in der Nachbarschaft mit Wärme versorgt. Das Holz stammt aus dem Gemeindewald. Es wird an der Waldstrasse aufgestapelt und bei Bedarf vor Ort zu Hackschnitzeln verarbeitet, die direkt in die Heizzentrale kommen. Kürzere Transportwege sind kaum möglich. Vor allem aber ist Heizen mit Holz CO2-neutral. Beim Verbrennen wird so viel CO2 freigesetzt, wie ein Baum während seines Wachstums der Atmosphäre entzogen hat – gleich viel würde in die Umwelt gelangen, wenn das Holz natürlich verrottet.

Das Interesse in Embrach ist gross, sich an einen Wärmeverbund anschliessen zu lassen. Aus diesem Grund arbeitet Energie 360° einerseits an der Erweiterung des Verbunds Breiti West, andererseits am Aufbau des Verbunds Embrach Nord. So könnten total etwa 410 Liegenschaften von der Energielösung profitieren. Aber es gibt auch kritische Stimmen. Sie befürchten, dass der Wald übernutzt wird. Ganz von der Hand weisen lässt sich diese Sorge nicht, wenn man den Holzbedarf des Wärmeverbunds betrachtet: Während in der Breiti momentan pro Jahr durchschnittlich 5’500 Kubikmeter Holzschnitzel verbrannt werden, dürfte der Verbrauch mit den neuen Projekten in Zukunft um 18’000 bis 24’000 Kubikmeter steigen.

 

Ein Waldarbeiter schneidet einen Keil in einen Baumstamm, um diesen zu fällen.

Das oberste Prinzip der Waldbewirtschaftung ist die Nachhaltigkeit: Es darf nur so viel Holz geerntet werden wie nachwächst. In der Schweiz gilt das nicht erst seit gestern, sondern wurde bereits 1876 im ersten Waldgesetzt festgeschrieben.

Holzqualität ist entscheidend

Doch Urs Greutmann, Leiter des Forst- und Werkbetriebs, sieht den Wald nicht in Gefahr. Seit 30 Jahren arbeitet er in Embrach. Mit 469 Hektaren Wald ist die Gemeinde der viertgrösste kommunale Waldbesitzer im Kanton Zürich. «In unserem Forst wächst pro Sekunde ein Holzwürfel mit einer Seitenlänge von fünf Zentimetern, das sind mehr als zehn Kubikmeter pro Tag», weiss Greutmann.

Ein Waldarbeiter in einem Traktor mit Greifarm hebt die Baumstämme aus dem Dickicht.

Der Wald verbindet Generation. Das Holz, das wir jetzt ernten, hat seinen Ursprung in der Zeit unserer Urgrossväter. Die Früchte der heutigen Arbeit kommen erst unseren Urenkeln zugute.

Die Bäume im Embracher Forst wachsen gut – weniger gut ist die Holzqualität. Bei schnellem Wachstum werde das Holz oft zu wenig dicht, um für den Bau von hochwertigen Möbeln verwendet zu werden, erklärt Greutmann. So macht es ökologisch wie auch ökonomisch Sinn, die vorhandenen Ressourcen als Energieholz einzusetzen.

 

Der Wald steht unter strengem Schutz

In der Schweiz sind der Bewirtschaftung des Waldes enge Grenzen gesetzt. Als oberstes Prinzip gilt die Nachhaltigkeit. Ein Begriff, der heutzutage überall verwendet wird, der ursprünglich jedoch aus der Forstwirtschaft stammt und klar sagt: Es darf nicht mehr Holz geerntet werden als nachwächst. Martin Gross, Präsident des Zürcher Forstverbands betont: «Wir haben eines der strengsten Waldgesetze weltweit.» Der Zustand und die Entwicklung des Schweizer Waldes werden genau überwacht. Es gibt detaillierte Karten der Baumbestände und verbindliche Betriebspläne. Zudem werden mit systematischen Stichproben alle zehn Jahre Bäume vermessen und Waldflächen mit Messflugzeugen analysiert. Waldbewirtschaftung ist ein Generationenprojekt. «Wir nutzen den Wald, den unsere Urgrosseltern gepflanzt haben, und meine Urenkel können dann die Früchte meiner Arbeit ernten», sagt Gross.

 

Wald in Zahlen

In der Schweiz gibt es 1 272 038 ha Wald oder rund 31% der Landesfläche oder 500 Mio. lebende Bäume. Pro Tag dehnt sich der Wald um etwa fünf Fussballfelder aus. Die häufigste Baumart in der Schweiz ist die Fichte (44%), gefolgt von der Buche (18%). 71% des Waldes sind in öffentlicher Hand, während 29% der Waldfläche im Privatbesitz sind. Jährlich wachsen 10,4 Mio. m3 Holz nach. Dem gegenüber stehen Abgänge von 8,9 Mio. m3. 2019 betrug die Holzernte 4,6 Mio. m3, wovon über 40% als Energieholz verwendet wurde.

 

Die Forstdienste arbeiten heute sehr naturnah. Während früher Einzelflächen gerodet und neu aufgeforstet wurden, pflegt Urs Greutmann den Embracher Forst als so genannten Dauerwald. Das ist ein Wald, in dem alle Entwicklungsstufen nebeneinander bestehen, vom Jung- bis zum Altbaum. Pro Waldstück werden im Abstand von sieben Jahren wohlüberlegt einzelne Bäume ausgewählt und gefällt. Aufforsten müssen Greutmann und seine fünf Mitarbeitenden gar nicht, denn der Wald verjüngt sich selbst.

Dafür fordert der Klimawandel die Förster heraus. Der Wald muss widerstandsfähig gemacht werden, indem gezielt geeignete Baumarten ergänzt werden. Probleme machen auch der Borkenkäfer und das durch einen eingeschleppten Pilz verursachte Eschentriebsterben.

 

Pflege erhöht die Widerstandsfähigkeit

Es stellt sich die Frage, ob es dem Wald nicht besser gehen würde, wenn sich der Mensch zurückziehen und der Natur ihren Lauf lassen würde. Dann würde eine Eiche gut und gern 800 Jahre alt werden, eine Rotbuche 300 Jahre – und nicht nur 80 bis 150 Jahre wie im Schweizer Nutzwald. Auch gäbe es dann mehr Bäume mit Totholz, welches für die Biodiversität besonders wertvoll ist.

Dazu meint Greutmann: «Die Ansprüche an den Wald sind vielfältig und müssen in Einklang gebracht werden.» Tendenziell ist der Schweizer Wald überaltert. Im Schutzwald, der Siedlungen und Verkehrswege vor Naturgefahren schützen soll, ist das ein Problem. Diese Wälder brauchen Pflege, damit genügend junge, kräftige Bäume die Schutzleistung sicherstellen.

Ein Bagger belädt einen LKW mit Holzschnitzeln für den Transport zur Heizzentrale.

Wie hier in Embrach können die Wärmeverbund-Projekte mit Holz aus dem eigenen Wald beliefert werden. Es werden zwar jede Menge Holzschnitzel benötigt, aber Übernutzung muss nicht befürchtet werden.

Wenn Bäume gefällt werden, dringt mehr Licht auf den Waldboden. Das verschafft vielen Baum- und Pflanzenarten eine Überlebenschance. Die Wälder werden vielfältiger und dadurch widerstandsfähiger. Und auch der Mensch profitiert. Er ist es gewohnt, sich im bewirtschafteten Wald ohne Gefahr bewegen zu können. «Die Besucherströme haben gewaltig zugenommen», sind sich Greutmann und Gross einig. Für Tiere und Pflanzen sei das ganz und gar nicht unproblematisch.

 

Regionale Ressourcen nutzen

Noch etwas spricht für den Wirtschaftswald. «Ist es nicht ökologisch sinnvoll, lokal vorhandene und streng kontrollierte Ressourcen zu nutzen», gibt Gross zu bedenken, «anstatt Holz aus Kahlschlägen von anderswo auf der Welt?» Oder anstatt nicht-erneuerbaren Energiequellen.

Und wenn das Holz im Embracher Forst künftig nicht reicht, um den Bedarf der Gemeinde zu decken? «Dieser Tag wird kommen», weiss Urs Greutmann, «deshalb planen wir schon heute, Reserven zuzukaufen.» Seit Jahren wird in der Schweiz weniger Holz geerntet als nachwächst. Die Versorgungssicherheit ist also gegeben. Und der Schutz des Waldes ebenso.

 

Wärmeverbund Embrach Breiti West

Der Wärmeverbund Breiti in Embrach ist eine Erfolgsgeschichte. Diese soll mit einer Erweiterung im westlichen Gebiet fortgeschrieben werden.

Erfahren Sie mehr zum Wärmeverbund

 

 

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