Bitte anzapfen!

In unseren Seen stecken riesige ungenutzte Energiereserven. Energie 360° nutzt diese Umweltenergie in verschiedenen-Projekten in der ganzen Schweiz: So machen wir ernst mit der nachhaltigen Beheizung und Kühlung von Gebäuden und Überbauungen.

Ein Punkt findet in der Energiestrategie 2050 des Bundes seltsamerweise kaum Erwähnung: Thermische Netze, die auf Basis von Erdwärme, Grundwasser oder Seewärme funktionieren. Umweltenergie also. Schade eigentlich, denn insbesondere Seen sind äusserst ergiebige Energiespeicher. In der Kälte des Winters relativ warm, bleiben sie bei hohen Lufttemperaturen angenehm kühl. Es liesse sich ein ansehnlicher Teil des Wärme- und Kühlbedarfs abdecken und die Umwelt massgeblich entlasten – gerade in der Schweiz, wo grosse Seen und relativ grosse Städte oft nahe beieinander liegen.

Erprobtes Verfahren

Die Klimadebatte hat das Interesse an der umweltschonenden Nutzung von Gewässern zu Heiz- und Kühlzwecken neu entfacht. Das hierzu eingesetzte Verfahren ist bereits seit Jahrzehnten erprobt, wobei der Schweiz eine Pionierrolle zukommt: 1938 war die Installation einer ersten Wärmepumpe im Rathaus Zürich durch die Firma Escher Wyss ein weltweiter Meilenstein. Die Limmat bot am Ausfluss des Zürichsees mit einer mittleren Temperatur von 7 Grad während der Heizperiode eine ideale Wärmequelle. Heute, über 80 Jahre später, gibt es an Schweizer Gewässern zwar eine grössere Zahl an thermischen Netzen und entsprechenden Neuprojekten, das Potenzial ist aber bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Doch es kommt zunehmend Bewegung in die Sache. Denn Gemeinden, die auf Seewasser zu Heiz- und Kühlzwecken setzen, reduzieren nicht nur ihren CO2-Ausstoss, sie erreichen auch ihre Energie- und Klimaziele wesentlich schneller. Weil Umweltenergie einfach und lokal verfügbar ist.

So funktioniert das Nutzen von Umweltenergie

 

Schema Wärmeverbund Kappelenring

Das Schema des Wärmeverbunds Kappelenring in Wohlen (BE) zeigt, wie die Wärmenutzung im Quartier funktioniert.

Das Prinzip der Seewassernutzung ist relativ simpel: Wärmepumpen entziehen dem Wasser laufend Energie. Dazu wird eine Leitung 20 bis 40 Meter tief in den See gelegt und das 4 bis 10 Grad warme Wasser ans Ufer gepumpt. Ein Wärmetauscher erhöht die Temperatur in einem sekundären Heizungskreislauf. Das Seewasser kommt dabei nie in Kontakt mit anderen Substanzen und fliesst abgekühlt in den See zurück. Ausser den Leitungen wird im See selbst nichts gebaut. Beim Kühlen kommt das gleiche Prinzip zur Anwendung: Zunächst in ein Reservoir am Ufer gepumpt, wird das Wasser in ein Röhrensystem geleitet. Es zirkuliert in einem Wärmetauscher, der an das Kühlsystem des Gebäudes angeschlossen ist. Durch die thermische Vernetzung der Systeme werden darüber hinaus auch Synergien zwischen Wärme- und Kälteverbrauchern über die Jahreszeiten möglich.

Seewärmeprojekte von Energie 360°

  • In der Gemeinde Wohlen bei Bern wird Energie 360° mit dem Wärmeverbund Kappelenring die Wärme des Wohlensees nutzen und rund 110 Liegenschaften versorgen. Bei maximalem Schutz von Flora und Fauna werden sich jährliche Einsparungen von über 3000 Tonnen CO2 ergeben.

 

  • In Zürich Tiefenbrunnen entsteht unter Federführung von Energie 360° ein Energie-Transformationsprojekt, das künftig 200 Liegenschaften mit erneuerbarer Wärme versorgen soll. Zurzeit noch mehrheitlich mit Gas und teilweise mit Erdöl betrieben, wird künftig eine Energielieferung von 15 GWh aus Seewasser angestrebt, woraus eine Einsparung von 2800 Tonnen CO2 pro Jahr resultiert.

 

  • Der Energieverbund von Energie 360° in Tolochenaz bei Morges am Genfersee soll in drei Ausbaustufen erfolgen. Das Projekt sieht eine Seewassernutzung für Wärme und Kälte über eine zentrale Wasserfassung vor, die zurzeit gebaut wird. Im Endausbau werden 25 GWh Energielieferung und jährliche CO2-Einsparungen von 3000 Tonnen erwartet.

 

  • Der Kinderzoo in Rapperswil-Jona nutzt seit 2014 eine von Energie 360° gebaute Anlage, die Wasser aus dem See zu einer Wärmepumpe auf dem Zoogelände leitet. Das Wasser dient als Hauptwärmequelle für die Heizanlage des Zoos. Es fliesst anschliessend entweder zurück in den See oder wird zum Befüllen der Becken für Elefanten und Pinguine oder die Reinigung der Zooanlagen genutzt. Dank der Seewassernutzung spart der Kinderzoo pro Jahr gut 100 000 Liter Heizöl und entlastet die Umwelt jährlich um 272 Tonnen CO2.
Anlage Kinderzoo

Der Kinderzoo in Rapperswil-Jona nutzt seit 2014 eine von Energie 360° gebaute Anlage, die Wasser aus dem See zu einer Wärmepumpe auf dem Zoogelände leitet.

Ökologisch unbedenklich

Welche Auswirkungen hat die Nutzung der Seewärme auf den Fischbestand und die Gewässer-Ökologie? Die Forscher des eidgenössischen Wasserforschungsinstituts Eawag gehen davon aus, dass bei einer erwarteten Abkühlung in der Grössenordnung von 0,5 Grad Celsius keine negativen Folgen für die Ökosysteme entstehen. Im Gegenteil: Die Wärmeableitung könnte bis zu einem gewissen Mass sogar dem Treibhauseffekt entgegenwirken, indem der Temperaturanstieg – ausgelöst durch den Klimawandel – etwas abgemildert wird.

Gewaltiger Öko-Effekt

Eine Studie der Hochschule Luzern unter Mitwirkung der Konferenz Kantonaler Energiefachstellen geht davon aus, dass bis 2050 fast 40 Prozent des Endenergiebedarfs von Immobilien für Raumheizung und Warmwasser über Thermische Netze gedeckt werden könnten. Insgesamt würden so rund 700 000 Haushalte versorgt und durchschnittlich 2500 Liter Öl pro Haushalt substituiert. Insgesamt könnten auf diese Weise die CO2-Emissionen um 5 Millionen Tonnen pro Jahr gesenkt werden. Deshalb: Anzapfen, bitte!

Die fünf grössten Vorteile der Seewärmenutzung

  • Wegfall der Transportwege. Die Energiequelle ist lokal vorhanden.
  • Neue Anschlüsse an einen bestehenden Seewärmeverbund lassen sich technisch und infrastrukturell einfach realisieren.
  • Betriebs- und Versorgungssicherheit sind gleichermassen hoch.
  • Der Energiepreis schwankt nur wenig.
  • Die Wärmequelle ist konstant vorhanden, eine Vorratbeschaffung erübrigt sich.

 

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