«Der Energieplan hat uns die Augen geöffnet»

Manchmal liegen neue Energielösungen direkt vor der Haustür. Aber nur wer hinschaut, erkennt die Ressourcen und kann sie nutzbar machen. Martin Schmitz (51), Energiebeauftragter von Thalwil, weiss, worauf es bei der Energieplanung in einer Gemeinde ankommt.

Thalwil entwickelt gerade einen dritten Energieverbund. Weshalb?

Im Zentrum von Thalwil stellten wir einen sehr hohen Wärmebedarf fest. Und weil wir wie in der ganzen Schweiz das Netto-Null-Ziel verfolgen, also bis 2050 unter dem Strich keine Treibhausgase wie CO2 mehr ausstossen wollen, haben wir nach Alternativen zu den fossilen Energieträgern gesucht. Da wurde uns das Potenzial des Zürichsees als Energiequelle bewusst.

Was sind die Vorteile bei der Energiegewinnung aus Seewasser?

Wir können Umweltwärme nutzen, die nicht nur erneuerbar ist, sondern per se gratis. Zudem ist im Zentrum von Thalwil mit den vielen Läden und Büros auch der Kältebedarf hoch. Da eignet sich der See ebenfalls als Quelle. Und es ergeben sich erst noch Synergien, indem die Abwärme aus der Kälteproduktion wiederum zu Heizzwecken genutzt werden kann. Allerdings sind das technisch anspruchsvolle Lösungen.

Luftaufnahme von Thalwil mit angrenzendem Zürichsee.

Im Zentrum von Thalwil wird ein neuer Wärmeverbund mit Seewassernutzung realisiert. Es ist bereits der dritte Energieverbund der Gemeinde. Die Auswirkungen auf die kommunale Energiebilanz sind eindrücklich.

Wo liegen noch Herausforderungen?

Die erste Machbarkeitsstudie machte klar, dass das festgelegte Einzugsgebiet für eine wirtschaftlich rentable Versorgung zu klein war. Deshalb haben wir das Gebiet vergrössert. Schon einzelne Überbauungen oder Betriebe mit hohem Energiebedarf können der Gesamtrechnung den entscheidenden Dreh geben.

Wie reagiert die Bevölkerung auf das neue Angebot?

Der Verbund wird im Herbst 2022 den Betrieb aufnehmen. Doch schon bevor man mit der Umsetzung startet, muss man genügend Bezüger beisammenhaben. Allerdings ist es schwierig, den Leuten etwas zu verkaufen, was noch nicht existiert. Später will sich dann jeder anschliessen lassen, das haben wir bei unserem zweiten Energieverbund, einer Hackschnitzelanlage, erlebt.

Jede Gemeinde ist anders. Was bedeutet das für die Energieversorgung?

Entscheidend sind die vorhandenen Ressourcen sowie die Struktur der Gemeinde. Bei leitungsgebundenen Energieträgern wie Fernwärme ist das Verlegen und der Unterhalt der Leitungen ein grosser Kostenfaktor. In einer ländlichen, flächigen Gemeinde mit vielen Einfamilienhäusern kommt das folglich teurer als in einem städtischen Gebiet mit Mehrfamilienhäusern, die einen hohen Bedarf auf engem Raum haben. Es braucht einen Energieplan, der das alles abbildet und sicherstellt, dass die lokal vorhandenen Ressourcen effizient genutzt werden. Gleichzeitig kann der Energieplan die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Energieträgern verringern, indem er Prioritätsgebiete definiert.

Martin Schmitz oberhalb von Thalwil mit Zürichsee im Hintergrund.

Martin Schmitz ist Energiebeauftragter der Gemeinde Thalwil. Er weiss, wie entscheidend ein flexibler Partner wie Energie 360° bei grossen Energieprojekten ist.

Was raten Sie anderen Gemeinden?

Macht einen Energieplan! In Thalwil hat uns das richtiggehend die Augen geöffnet. Und seid kritisch bei der Wahl des Energiepartners. Bei Projekten dieser Grösse stösst man stets auf Hindernisse, die sich nur mit einem flexiblen und engagierten Partner lösen lassen. Am wichtigsten aber ist Wirtschaftlichkeit. Wir haben schon in der Planungsphase den angestrebten Endpreis definiert. Das gab den nötigen Druck. Am Schluss brauchen wir einen konkurrenzfähigen Energiepreis, denn die Leute machen nur mit, wenn es für ihr Portemonnaie stimmt.

Energieverbünde zeigen Wirkung

Seit 2010 hat sich der Energieverbrauch von Thalwil deutlich verändert. Während weniger Heizöl genutzt wird, hat der Verbrauch von Biogas, Umweltwärme und Biomasse zugenommen – eine direkte Folge der zwei Energieverbünde, die bisher geschaffen wurden: eine Hackschnitzelanlage sowie die Nutzung der Abwärme aus der Kläranlage. Aktuell kommen rund 5 Prozent der in der Gemeinde benötigten Wärmeenergie aus den Energieverbünden. Mit dem zukünftigen Seewasserverbund wird der Anteil auf 13 Prozent steigen. Beim Umstieg auf erneuerbare Energien und bei energetischen Sanierungen werden die 18’000 Einwohner mit einem kommunalen Förderprogramm von jährlich 250’000 Franken unterstützt.

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