«Wohlüberlegt zum Ziel»

Rebekka Bernhardsgrütter ist Gemeinderätin in Embrach und führt das Ressort Bau und ­Planung. Sie erzählt, wo ihre Gemeinde investiert, was bei der Energieplanung wichtig ist und weshalb es dabei nicht nur möglichst schnell vorwärtsgehen soll.

Als Gemeinderätin haben Sie in Embrach das Ressort Bau und Planung inne. Vor welchen Herausforderungen stehen Gemeinden bezüglich der Energieplanung?

Der Wechsel von fossilen Energien auf erneuerbare ist ganz klar eine Herausforderung. Die Rahmenbedingungen dafür sind zwar mit der Energiestrategie 2050 gegeben. Die Gemeinden aber müssen für ihre Bewohnerinnen und Bewohner den Zugang zu erneuerbaren Energien sicherstellen. Wie die Transformation vollzogen wird, muss jede Gemeinde je nach ihren Möglichkeiten entscheiden. Die politische Gemeinde Embrach besitzt beispielsweise sehr viel Wald. Deshalb haben wir uns schon vor Jahren für einen Wärmeverbund mit einer Holzschnitzel-Heizung entschieden. Auch Erd­sonden hatten wir damals in Betracht gezogen. Aber ein grosser Teil unseres Gemeindegebiets liegt über einer Grundwasserschutzzone, was Erdsonden nur selten zulässt. Genau für solche Erkenntnisse ist es wichtig, eine Auslegeordnung mit allen Möglichkeiten auszuarbeiten und sich dann für die beste Lösung zu entscheiden.

 

Wichtiger als das Tempo dünkt mich, dass wir gemeinsam den richtigen Weg in die richtige Richtung einschlagen.

 

Weshalb lohnt sich der Wechsel von fossiler zu erneuerbarer Energie für eine Gemeinde?

Letztlich ist es in unser aller Interesse, dass wir schonend mit den verfügbaren Ressourcen umgehen. Zudem ergibt es Sinn, dass wir lokale Ressourcen nutzen. Denn fossile Energien schaffen oft Abhängigkeiten, weil sie im Ausland gefördert werden. Dadurch entstehen wiederum Unsicherheiten, beispielsweise bezüglich des Preises.

 

Verläuft die Transformation hin zu einer erneuerbaren Energieversorgung rasch genug?

Man könnte immer schneller vorwärtsmachen. Ich spreche mich aber für den pragmatischen Weg aus. Denn es sollen langfristige Lösungen sein, die von der Bevölkerung mitgetragen werden. Deshalb braucht es Gemeindeversammlungen oder Abstimmungen. Das ist natürlich zeitintensiv. Aber etwas nur möglichst schnell umzusetzen, lohnt sich nicht und das können wir uns als Gemeinde auch nicht leisten. Wichtiger als Tempo dünkt mich deshalb, dass wir gemeinsam den richtigen Weg in die richtige Richtung einschlagen.

 

Portrai von Rebekka Bernhardsgrütter im Wald

Und wie schätzen Sie die Lage bei Privathaushalten ein?

Dort ist es ein wenig anders: Sie können Neuerungen meistens schneller umsetzen. Wenn wir als Gemeinde und die Einwohnerinnen und Einwohner schrittweise erneuerbar werden, sind wir auf einem guten Weg. Auf Embrach trifft dies meiner Meinung nach zu.

 

Kantonale Energiegesetze, kommunale Energie­planung: Wird das nicht alles zu kompliziert für Wohneigentümerinnen und -eigentümer?

Kritik an dieser Überreglementierung höre ich oft und kann ich auch nachvollziehen. Ich sehe es unter anderem als Aufgabe der Gemeinde, die Betroffenen durch den administrativen Dschungel zu führen und sie zu unterstützen.

 

Bild von Rebekka Bernhardsgrütter auf einem Waldweg

Alle unsere öffentlichen Gebäude heizen wir bereits jetzt ohne fossile Energie.

Rebekka Bernhardsgrütter, Gemeinderätin Embrach

 

Welche Erwartungen haben Sie in Ihrer Funktion als Exekutivmitglied an Energiedienstleistungsunternehmen?

Wenn ich Anbieter suche, habe ich genaue Vorstellungen, welche Leistungen diese erfüllen müssen. Das Unternehmen soll diese profes­sionell, effizient und partnerschaftlich umsetzen. Eine Zusammenarbeit ist auch immer mit sehr viel Dynamik verbunden – das stellen wir auch bei unserer Partnerschaft mit Energie 360° fest: Mit ihrem guten Angebot überzeugen sie die Einwohnerinnen und Einwohner und steigern so die Nachfrage. Das ­ermöglichte uns den Bau des zweiten Wärmeverbunds. Deshalb ist eine gute Beziehung zu den Dienstleistern elementar. Nicht zuletzt ist natürlich wichtig, dass der Partner institutionell und finanziell gut aufgestellt ist. Nur dann ist eine langjährige Zusammenarbeit möglich.

 

Welche weiteren Projekte für mehr Nachhaltigkeit möchten Sie künftig umsetzen?

Wir bauen derzeit noch am zweiten Wärmeverbund, dem Wärmeverbund Nord. Danach möchten wir den ersten Verbund, den Wärmeverbund Breiti, ausbauen. Das wird uns er­möglichen, sehr viele Gebäude auf fast dem ganzen Gemeindegebiet mit Wärme aus ein­heimischen Holzschnitzeln zu versorgen. Alle unsere öffentlichen Gebäude heizen wir bereits jetzt ohne fossile Energie. Ein ­anderes Projekt, das die Bevölkerung im ­September 2020 an der Urne genehmigt hat, ist der Bau eines neuen Werkhofs. Auf dessen Dach erstellen wir eine Photovoltaikanlage sowie zwei Regenwassertanks. Das gesammelte Wasser möchten wir dann anstelle von Frischwasser zum Waschen der gemeindeeigenen Fahrzeuge und zum Bewässern der gemeindeeigenen Rabatten verwenden. Das ist zwar ein eher kleines Projekt, aber auch dieses bringt uns einen Schritt vorwärts.

 

Rebekka Bernhardsgrütter
ist seit sechs Jahren Gemeinderätin in Embrach und führt das Ressort Bau und Planung. Unter anderem ist sie für die Energieplanung in der Gemeinde zuständig. Mit nachhaltigen Projekten führt sie Embrach in eine erneuerbare Energiezukunft. Dank zwei Wärmeverbünden, die Energie 360° im Contracting betreibt, können bereits jetzt sehr viele Gebäude auf Gemeindegebiet nachhaltig geheizt werden.

Bild von Rebekka Bernhardsgrütter im Wald

 

Der Wärmeverbund Breiti besteht bereits seit über 20 Jahren. Weshalb musste dieser kürzlich erneuert werden?

Wir mussten gemäss der Reinhalteverordnung im Verbund Breiti neue Luftfilter einbauen. Das hätte knapp 1 Mio. Franken gekostet. Damals waren nur gemeindeeigene Liegen­schaften und die Primarschule angeschlossen. Deshalb fragten wir uns: Wenn wir schon so viel Geld investieren, weshalb ermöglichen wir nicht auch Privaten den Zugang? Uns als Gemeinde war aber auch klar, dass wir den Verbund dann nicht mehr selber betreiben können – vorher kümmerten sich der Förster und ein Gemeindemitarbeiter darum. Mit Privat­haushalten, die am Verbund teilnehmen, ist aber ein 24-Stunden-Dienst nötig und eine separate Abrechnung pro Haushalt. Zudem sehen wir uns nicht als Energieversorger. Deshalb hat sich die Gemeinde dann für das Ausschreiben eines Energiecontractings entschieden.

 

Wie war die Bereitschaft der Bevölkerung, sich dem Verbund anzuschliessen?

Mehrheitlich haben wir sehr positive Feedbacks erhalten. Viele waren sofort davon begeistert. Das war wichtig, weil sich der Ausbau nur lohnt, wenn ein bestimmtes Volumen nachgefragt wird. Besorgnis wurde dahingehend geäussert, dass wir mit dem Verbund den Wald übernutzen würden. Zu solchen und anderen Bedenken nahmen wir jeweils direkt Stellung und konnten diese so widerlegen.

 

Wie waren die Reaktionen der Einwohnerinnen und Einwohnern bezüglich der Contracting­lösung?

Anfänglich kamen unter anderem Bedenken auf, dass die Gemeinde mit dem Contracting zu viel aus der Hand gibt und keinen Einfluss mehr auf den Verbund hat. Das hat sich aber nicht bewahrheitet, weil die Aufgaben und Pflichten in einem Rahmen- und Konzessionsvertrag partnerschaftlich geregelt sind. Zudem haben wir vertraglich festgelegt, dass die Holzschnitzel ausschliesslich von der Gemeinde bezogen werden müssen. Das hält die Wertschöpfung in Embrach. Heute befinden wir uns in der glücklichen Lage, dass viele Private sich bereits angeschlossen haben und immer noch Wohneigentümerinnen und -eigentümer auf uns zukommen und sich anschliessen wollen. Das ist doch ein gutes Zeichen. Ab 2021 ist die Gemeinde Embrach Aktionärin von Energie 360°. Das stärkt die Zusammenarbeit zusätzlich.

 

Gleich zwei Verbünde nutzen in der Gemeinde Embrach das Holz aus dem gemeindeeigenen Wald: der Wärmeverbund Embrach Nord und der Wärmeverbund Breiti.

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