«Big Data und ausgefeilte Speicherlösungen sind die wichtigsten Energiequellen der Zukunft»

Mehr Ökologie ist ein Muss für unsere Energiezukunft – doch sie allein reicht nicht aus. Entscheidend ist das Zusammenspiel zwischen Energiesicherheit, Zugang zu Energie und Ressourcenschonung. Im Interview erklärt Christoph Frei, Generalsekretär des Weltenergierates WEC, dieses Trilemma und sagt, welch wichtige Rolle eine intelligent vernetzte Versorgung und das Denken in nachhaltigen Kreisläufen dabei spielen.

«Die Welt steht energiepolitisch vor riesigen Herausforderungen», haben Sie am Europa Forum zur Jahrhundertherausforderung Energie festgehalten. Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Energiebaustellen?

In der globalen Energieszene herrscht zurzeit grosse Unsicherheit. Grund dafür ist ein dreifacher Transformationsprozess, vor dem die Branche steht. Erstes Element ist das Problem der CO2-Reduktion. Zweitens wandeln sich die Energiemärkte und Geschäftsmodelle. Und drittens gibt es neue Risiken und Bedrohungen, etwa in den Bereichen Extremwetter oder Cyber-Sicherheit.

Welche Lösungsvorschläge hat der Weltenergierat für die beschriebenen Probleme?

Die Statistiken zeigen klar auf, dass sich die extremen Wetterereignisse in den letzten 30 Jahren vervierfacht haben. Es braucht also klare Signale seitens der Weltgemeinschaft in Sachen Klima und Umwelt. Aus der Systemperspektive ist längst klar, dass der CO2-Ausstoss mit einem effektiv lenkenden Preisschild versehen werden muss. Die Höhe des Preises und die Art des globalen Preismechanismus sind heute noch unklar. Je länger diese Thematik offen bleibt, umso mehr Unsicherheit gibt es für den Energiesektor. Die Folge sind kurzfristige, flexible Investitionen, welche nicht viel Sinn machen für einen langfristig angelegten Transformationsprozess.

 

Für die Energiewirtschaft ist es überlebenswichtig, dass sie Innovationen vorantreibt.

 

Wie geht es weiter, wenn dieses Umweltsignal da ist?

Der zweite Schritt ist ein ausgewogenes Verhältnis im so genannten Trilemma, wie es der WEC definiert hat. Damit ist das Zusammenspiel der drei Dimensionen Energiesicherheit, Zugang zu resp. Bezahlbarkeit der Energie und Ressourcenschonung gemeint. Dazu ist es nötig, neue Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Für die Energiewirtschaft ist es überlebenswichtig, dass sie sich den Problemen proaktiv stellt und die Innovationen vorantreibt. Denn Stillstehen heisst untergehen. Das haben viele Energieunternehmen schon erkannt und strengen sich entsprechend an.

Was braucht es, damit die Transformation im Energiebereich gelingen kann?

Das Wirtschaftswachstum und die damit verbundenen freien Investitionsmittel bestimmen das Tempo, in dem die Transformation stattfindet. In Zeiten mit begrenzten Mitteln ist es nicht möglich, alles gleichzeitig zu tun. Es müssen also Prioritäten gesetzt werden. Als Grundlage für die nötigen Entscheidungen der Wirtschaft können Analysen dienen, wie sie der WEC mit dem Trilemma-Länder-Ranking bereitstellt. Es braucht zudem einen ständigen Lernprozess. Nicht alle Ideen führen zum gewünschten Ziel, wie wir am Beispiel der Subventionspolitik in Deutschland sehen können. Wenn statt Gas wieder Kohle eingesetzt wird, dann ist das Ziel definitiv nicht erreicht trotz aller Anstrengungen auf der Seite der erneuerbaren Energien.

Was können Energieversorgungsunternehmen wie Energie 360° tun?

Die gewünschte Positionierung bestimmt den Weg. Die Unternehmen müssen sich fragen, was der Transformationsprozess für sie bedeutet und wie sie auf die spezifischen Marktveränderungen reagieren können. Je nach Region und Markt sind andere Themen im Fokus. So spielen etwa in Europa Unwetter weniger eine Rolle als in Asien. Dafür sind hier die zunehmende Vernetzung der Energiesysteme und ihre potenzielle Verletzlichkeit zentral.

Welchen Stellenwert hat die Nachhaltigkeit und Ökologie im beschriebenen Energie-Trilemma?

Grundsätzlich kommt allen drei Dimensionen die gleiche Bedeutung zu. Egal in welchem Bereich das Trilemma unausgewogen ist, bedeutet es ein politisches Risiko. Und Risiken schrecken Investoren ab – das kann sich niemand leisten.

Zahlt es sich aus, wenn Unternehmen vermehrt in nachhaltigen Kreisläufen denken, wie es Energie 360° tut?

Die Wirtschaft muss gezwungenermassen mehr zirkulär denken und handeln, wenn Ressourcen knapp werden. Technologien, welche mit den Ressourcen effizienter und schonender umgehen, werden klar im Vorteil sein.

Sie gelten als Verfechter einer ökologischen Steuerreform, das heisst, eine höhere steuerliche Belastung von gewissen Energieträgern. Sind solche Lenkungsabgaben das Modell der Zukunft?

Ich habe schon meine Doktorarbeit zum Thema der ökologischen Steuerreform geschrieben und bin persönlich nach wie vor überzeugt, dass dies ein zwar komplexer, aber richtiger Ansatz ist. Vereinfacht gesagt gilt es, statt den Faktor Arbeit die Energie zu besteuern. So vermeiden wir Arbeitslosigkeit und steigern die Effizienz im Energiebereich. Natürlich stehen gewisse Länder diesem Modell aufgeschlossener gegenüber als andere und es gibt auch einige Schwierigkeiten zu überwinden.

Ohne politische Vorgaben wird das Ziel der CO2-Reduktion wohl nicht zu erreichen sein…

Es gibt einige Energieunternehmen wie Energie 360°, die schon heute neue Denkmuster und interne Steuerprozesse etabliert haben und danach handeln. Sie positionieren sich damit strategisch für die Zukunft. Klar ist aber, dass das globale Ziel nur gemeinsam erreicht werden kann; einzelne Länder und Unternehmen können alleine nichts ausrichten. Es braucht also eindeutige Signale und Vorgaben der Politik.

Energiewende heisst für viele eine Abkehr von den fossilen Energieträgern. Wird es in Zukunft ganz ohne diese gehen?

Vorläufig nicht. Gewisse Energieträger wie Erdgas werden gemäss unseren Szenarien trotz gewaltigen Fortschritten im Bereich der erneuerbaren Energien bis 2050 und darüber hinaus eine sehr wichtige Rolle im Energiemix spielen.

 

Erdgas und erneuerbare Gase werden auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen im Energiemix.

 

Wo liegen die Vorteile von Erdgas und erneuerbaren Gasen?

Erdgas oder Biogas kann bisherige Energieträger wie Erdöl oder Kohle gut ersetzen, da es deutlich CO2-freundlicher ist. Dies gilt sowohl für den Bereich der Stromerzeugung, als auch bei der Mobilität oder Wärmeproduktion. Dazu kommt die Speicherfunktion von Gas. Schwankungen bei der Produktion von Wind- oder Solarenergie können durch Technologien wie Power-to-Gas aufgefangen werden. Gas wird durch die Transformation des Energiemarktes auch eine zunehmend systemrelevante Funktion einnehmen.

Die Schweiz ist mitten in der politischen Diskussion um die vom Bundesrat lancierte Energiestrategie 2050. Mehr Energieeffizienz und erneuerbare Energien sind die Stichworte. Ist unser Land im internationalen Vergleich auf dem richtigen Weg?

Die Schweizer sind zwar schon heute Weltmeister in Energieeffizienz – das zeigen unsere Rankings. Trotzdem gibt es noch ein grosses Potenzial im Gebäude- und Mobilitätsbereich. Die Schweiz ist also auf gutem Weg, aber noch nicht am Ziel. Bei den erneuerbaren Energien sollte der Blickwinkel offener und internationaler werden: Es müssen nicht alle Projekte lokal realisiert werden. Das Potenzial für gewisse Energiearten ist ausserhalb der Schweiz einfach grösser.

Bundesrätin Doris Leuthard plädiert für eine «intelligent vernetzte Energieversorgung». Was verstehen Sie darunter?

Intelligent heisst vernetzt und effizient. Ausserhalb und innerhalb der Energiebranche werden immer mehr Daten generiert, sei dies bei der Wettervorhersage oder beim Verkehr, bei der Energieproduktion, beim Energietransport oder -verbrauch. Nun gilt es, diese Daten besser zu verarbeiten, zu verknüpfen und zu nutzen. Daraus lassen sich dann auch neue Angebote für Endkunden entwickeln. Wie wir aus dem Bereich der Mobilität gelernt haben, sind die Verbraucher durchaus zu haben für Steuerungen, die einen Effizienzgewinn versprechen. Ich bin überzeugt, dass Big Data und ausgefeilte Speicherlösungen die wichtigsten Energiequellen der Zukunft sind und uns grosse Gestaltungsmöglichkeiten verschaffen werden.

Vernetzung ist auch zentral in Ihrem Amt als Generalsekretär des WEC. Welches sind Ihre grössten persönlichen Herausforderungen in diesem Job?

Der WEC ist in fast 100 Ländern vertreten. Das bedeutet eine sehr grosse Diversität von Ansichten und Meinungen. Meine Herausforderung ist es, diese Diversität nicht nur zu managen, sondern zu bündeln, damit wir vorwärtskommen. Denn wir dürfen nicht nur den kleinsten gemeinsamen Nenner anstreben, sondern müssen einen wirklichen Schritt nach vorne machen. Eine weitere Herausforderung ist mein persönliches Zeitmanagement: Ich muss schauen, dass neben den vielen Reisen, die ich als Generalsekretär des WEC unternehme, auch genug Zeit bleibt für meine Familie.

Sie haben sich seit dem Studium mit Energiefragen befasst. Was fasziniert Sie so an dieser Materie?

Die Vielfalt und Komplexität. Energiethemen haben politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Komponenten. Energie war und ist zentral für die Entwicklung der Menschheit, vom Feuer der Steinzeit bis heute. Die Themen werden uns also nicht ausgehen und so bleibe ich leidenschaftlich dabei.

 

Christoph Frei ist seit April 2009 Generalsekretär des Weltenergierates in London. Der Schweizer leitet dort namhafte Initiativen, darunter die Vorzeigeprojekte «World Energy Scenarios» und «World Energy Trilemma». Zuvor war er Mitglied des Exekutivrates des Weltwirtschaftsforums (WEF) und gleichzeitig leitender Direktor für den Bereich Energie. Christoph Frei ist nebenamtlich Professor an der ETH Lausanne (EPFL). Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

 

Weltenergierat

Der 1923 gegründete World Energy Council, kurz: WEC, ist eine weltweite Organisation mit Mitgliedsausschüssen in über 90 Ländern. Seine Mitglieder sind hauptsächlich große Energieproduzenten und -händler, hinzu kommen Regierungsorgane, Forschungs- und Energieverbraucherorganisationen. Der Weltenergierat bietet seinen Mitgliedern Dienstleistungen wie Forschung, Analysen und Strategieempfehlungen zu Energieträgern wie Kohle, Erdöl, Gas und erneuerbaren Energien. Sitz des WEC ist London.

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