«Wir dürfen Dinge nicht einfach hinnehmen»

Wie gelingt Transformation? Und wie entscheidet man effizient? Laura Winterling ist Physikerin und ehemalige Ausbildnerin für Astronauten. An einem Event von Energie 360° erzählt sie, was sich Unternehmen von der Raumfahrt abschauen können.

Laura Winterling sitzt vor einer Raumfahrtkabine.

Laura Winterling, Sie haben bei der European Space Agency (ESA) Astronauten ausgebildet, mit Ihren Vorträgen inspirieren Sie weltweit Unternehmen – unter anderem Elon Musks SpaceX. Beginnen wir grundsätzlich: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Wie geht man am besten mit Fehlern um?

Indem man ganz, ganz viele macht. Und zwar dann, wenn es unkritisch ist. Um wieder unsere Astronauten ins Spiel zu bringen: Wir geben ihnen jahrelang Zeit, um zu trainieren, und wir wollen, dass sie möglichst viele Fehler machen. Denn es gibt einen Punkt, ab dem dürfen sie keine Fehler mehr machen. Weil sie das im schlimmsten Fall das Leben kostet. Bei der Energiewende haben wir leider nicht mehr viel Zeit, um Fehler zu machen. Wir haben diese sichere Kinderstube fast verpasst und müssen jetzt schnell handeln.

 

Da ist Energie 360° mittendrin: Die Energieversorgerin will bis 2040 Netto-Null erreichen. Worauf müssen sich Unternehmen gefasst machen, die eine derart umfassende Transformation in Angriff nehmen?

Im Grunde transformieren wir bei der ESA Menschen von Fussgängern zu Astronauten. Das ist ja der krasseste Transformationsprozess überhaupt. Es ist eindrücklich, wie viel Geduld das braucht: Jahrelang jeden Tag immer wieder Neues lernen, immer und immer wieder. Aber auch immer wieder Erlerntes wiederholen, bis es zur Routine wird. Was wir daraus lernen: Eine Transformation anzugehen bedeutet Aufwand und erfordert Ausdauer. Es braucht Zeit und Willen.

 

Welche zusätzlichen Hürden machen Veränderungen schwierig?

Dass wir Dinge hinnehmen. «Es ist halt so, haben wir schon immer so gemacht», diese Denkweise ist schrecklich und wir können sie uns nicht leisten. Wenn wir das beispielsweise in der Mobilität gemacht hätten, wären wir noch mit Kutschen unterwegs und bestimmt nicht im All. In Unternehmen spielt Angst dabei eine grosse Rolle. Es ist ja nicht das Unternehmen, das die Veränderung nicht schafft, es sind die Menschen im Unternehmen. Und da geht es jemandem vielleicht zu schnell, jemand anders kommt mit einem neuen Kommunikationskanal nicht zurecht. Es sind oft kleine Dinge, jedes einzelne ist ein Sandkorn, zusammen ergeben sie einen Haufen. Und ganz drunter liegt die Angst.

 

Laura Winterling ist Physikerin, Helikopterpilotin und Rettungssanitäterin. Fast zehn Jahre lang bildete sie für die European Space Agency (ESA) Astronauten für die ISS aus, 2016 gründete sie ihre Firma Space Time Concepts. Ihre aktuelle Jobbeschreibung? Würde sie neue Visitenkarten erhalten, wäre Mental Transformer schön, meint sie. Ihre Vorträge, unter anderem zu Leadership, effizienter Entscheidungsfindung sowie Visionen und Veränderungen, spickt sie mit Anekdoten aus der bemannten Raumfahrt.

 

Wie kann man diese Hürden überwinden?

Mit einem Perspektivenwechsel, wie in der Raumfahrt: Wir gehen auf Distanz und betrachten die Strukturen von weiter weg. Das Problem ist, dass wir für unser Handeln oder eben auch Nicht-Handeln häufig keine Konsequenzen spüren – nicht heute, nicht morgen, wahrscheinlich noch nicht mal in zehn Jahren. Die Veränderung findet jedoch statt, mit oder ohne uns. Wir sind aber in der Lage, diese mitzugestalten.

Laura Winterling küsst einen Raumfahrtanzug.

Laura Winterling ist fasziniert von der bemannten Raumfahrt. «Im All schauen alle in die gleiche Richtung, alle wollen die Mission erfolgreich beenden.»

 

Was hilft Unternehmen, die Veränderungen umzusetzen?

Das Beste ist, auf Leute zu hören, die zwanzig Jahre jünger sind. Das versuche ich auch: Ich habe mein Büro in einer WG eingerichtet. Es ist ein Haus in der Kölner Innenstadt und es leben 21 Menschen darin. Einige studieren noch, andere arbeiten. Es tut mir gut, einfach still am Tisch zu sitzen und zuzuhören: Was beschäftigt sie? Welche Sorgen plagen sie? Was wünschen sie sich für die Zukunft? Denn ich habe jetzt die Möglichkeit, Weichen zu stellen. Ich denke, viele Unternehmen sollten junge Menschen stärker einbinden. Sie bringen frische Ideen, finden neue Lösungen für alte Probleme. Häufig wird das unbequem, weil Dinge in Frage gestellt werden, die «wir eben schon immer so gemacht haben». Aber das braucht es dringend.

 

Bei Transformationen gilt es auch immer, Entscheidungen zu treffen. Wie schaffen es Unternehmen, effizient zu entscheiden?

Im Raumschiff verfolgen alle ein gemeinsames Ziel. Und das ganze Schaffen richtet sich danach. Es geht nicht darum, wann kann ich eine Pause machen und wann bekomme ich meinen nächsten Kaffee. Im All wollen alle die Mission erfolgreich beenden. Es macht niemand früher Feierabend, weil die eigene Arbeit erledigt ist. Solange andere noch nicht fertig sind, ist niemand fertig. Was ich damit sagen will: Menschen können Entscheidungen egoistisch treffen, dann kommen sie weit im Leben. Oder sie treffen Entscheidungen für das übergeordnete Ziel, dann kommt jeder Einzelne sehr viel weiter.

 

Und was hilft nun, Entscheidungen schnell und richtig zu treffen?

Im «normalen» Arbeitsleben unterzeichnen wir ausschliesslich Geldverträge, ohne emotionale Aspekte. Deshalb können wir nicht erwarten, dass Menschen sich dem Unternehmen und seinen Zielen verpflichtet fühlen – selbst wenn sie dessen Mission kennen. Unsere Astronauten haben deshalb eine Charta mit gemeinsamen Visionen unterschrieben. Das ist etwas anderes, wenn man seine Unterschrift unter solche Werte und Ziele setzt. Ich glaube, Menschen entscheiden dann effizient, wenn sie emotional involviert sind. Eine gemeinsame Mission ist dabei ein wichtiger Schritt.

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