«Saisonale Speicher spielen eine entscheidende Rolle»

Für Roger Nordmann steht fest: Der Klimawandel ist das drängendste Problem unserer Zeit. Als Lösung sieht der SP-Nationalrat und Energieexperte vor allem die Photovoltaik, aber nicht nur. Ein Gespräch über Winterstrom, erneuerbares Gas und den Vorteil sichtbarer Kraftwerke.

Roger Nordmann

Herr Nordmann, Sie sind 49 Jahre alt. Verbrauchen wir heute mehr Energie als vor 49 Jahren?

Roger Nordmann: Pro Person verbrauchen wir erfreulicherweise rund 15% weniger Energie als 1973, weil wir sie effizienter nutzen als früher. Bald sollte aber auch der Gesamtverbrauch geringer sein als damals. Mit Blick auf den Klimawandel und die Versorgungssicherheit ist klar: Ein «Weiter wie bisher» liegt nicht drin. Das zeigen der vergangene Hitzesommer und die aktuelle Energiekrise überdeutlich. Zum Glück können wir mit der Elektrifizierung viel Energie sparen. Denn zum Heizen und zum Fahren ist Strom viermal effizienter als fossile Energien.

 

Warum ist der Klimawandel ein so grosses Problem?

Weil er die Lebensgrundlagen der Menschheit verschlechtert. Steigt die Durchschnittstemperatur um fünf Grad und der Meeresspiegel um einen Meter, werden sich Hunderte Millionen Menschen auf die Flucht begeben müssen. Und auch in den Städten der reichen Länder leidet die Lebensqualität, vor allem im Sommer. Der Klimawandel betrifft also alle Menschen.

 

Welches ist die grösste Herausforderung für die Schweiz im Kampf gegen den Klimawandel?

Der Umbau des Energiesystems. Denn auf den Energiesektor entfallen 75 Prozent unserer Treibhausgas-Emissionen. Wir müssen rasch weg von Öl, fossilem Gas und Kohle.

 

Passionierter Energie- und Klimapolitiker

Roger Nordmann gehört seit 2004 als Vertreter des Kantons Waadt dem Nationalrat an. Er präsidiert seit 2015 die SP-Fraktion und ist Mitglied der nationalrätlichen Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK). Seit Beginn seiner politischen Laufbahn setzt er sich für eine wirksame Klimapolitik auf nationaler und internationaler Ebene ein. Seinen Solarplan für die Schweiz beschreibt er im aktuellen Buch «Sonne für den Klimaschutz».

 

Sie haben die Elektrifizierung als wichtige Massnahme dafür genannt. Doch wie decken wir die drohende Winterstromlücke, wenn sie sich durch Wärmepumpen und Elektroautos noch verschärft?

Das gelingt mit vier Schwerpunkten: Erstens mit Solarstrom, weil Photovoltaikanlagen auch im Winter eine erhebliche Menge Strom produzieren, wie ich in meinem Buch aufgezeigt habe. Bei der Photovoltaik ist bis 2050 eine installierte Leistung von 50 GW realistisch – 14 Mal mehr als heute. Doch um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir die Zubaugeschwindigkeit um das 3-Fache steigern. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Wasserkraft: Die Erhöhung von 13 Stauseen sowie der Bau von zwei neuen Stauseen an der Trift und am Gornergletscher liefern uns weitere 2 TWh Strom pro Jahr. Die gleiche Menge könnte drittens die Windenergie beisteuern. Und viertens sollten wir im Winter 5 bis 7 TWh Strom aus erneuerbarem Gas produzieren. Dieses lässt sich im Sommer mit überschüssigem Strom herstellen und speichern.

 

Welche Rolle spielen bei dieser Vier-Säulen-Strategie die saisonalen Speicher?

Eine entscheidende Rolle. Sie ermöglichen, überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien sinnvoll zu nutzen.

 

In welchem Umfang könnten wir Strom saisonal speichern – zusätzlich zu den bestehenden Stauseen?

Zusätzliche Speicherkraftwerke und die Speicherung von erneuerbarem Gas könnten mit 7 bis 9 TWh einen wesentlichen Beitrag leisten. Allerdings müssen die Speicher zuerst noch gebaut werden. Dabei erachte ich die Geomethanisierung (siehe Infobox) als erfolgsversprechend. Denn sie vereint eine effiziente Energieumwandlung und die Speicherung.

 

Hand aufs Herz: Gelingt uns als Gesellschaft in der Schweiz die Energiewende?

Ja, davon bin ich fest überzeugt. Es bedeutet auch, dass die Energiegewinnung in der Landschaft sichtbarer wird. Wir können nicht mit den unsichtbaren Energien Erdöl, Erdgas und Uran weiterfahren, die mittel- und langfristig gravierende negative Folgen haben. Die Produktionsanlagen für Windenergie, Wasserkraft und Solarenergie hingegen sind teilweise von Weitem zu sehen. Und das ist gut so. Denn sie erinnern uns daran, dass wir Energie nicht verschwenden sollten.

 

Forschungsprojekt für saisonale Speicher

Mit dem internationalen Forschungsprojekt «Underground Sun Conversion – Flexible Storage» (USC-FlexStore) betreiben Energie 360° und die RAG Austria AG zurzeit Grundlagenforschung für eine nachhaltige Speicherlösung: die Geomethanisierung. Bei diesem zweistufigen Verfahren wird ähnlich wie bei den bekannten Power-to-Gas-Technologien überschüssiger erneuerbarer Strom in Methangas umgewandelt. Während die Elektrolyse oberirdisch in konventionellen Anlagen abläuft, geschieht die anschliessende natürliche Methanisierung allerdings in über 1000 Metern Tiefe. Das dort entstehende Methangas wird auch gleich in den Speicherformationen eingelagert und erst bei Bedarf an die Oberfläche gefördert.

Mehr erfahren

Kommentar verfassen*