«Elektroautos lassen sich netzschonend laden»

Fast jede Woche präsentiert ein Autohersteller sein neustes Elektrofahrzeug. Die Chancen stehen also gut, dass die Zahl der verkauften Elektroautos bald rasant steigt. Doch was bedeutet das für die Stromversorgung in der Schweiz? Christoph Schreyer, Leiter Mobilität beim Bundesamt für Energie, gibt einen Ausblick.

 

Nachfolgend lesen Sie das ganze Interview mit Christoph Schreyer:

 

Bei Elektroautos ist die Herstellung der Batterien sehr energieintensiv und abhängig von begrenzten Ressourcen. Gleichen die Vorteile der Elektromobilität diesen Nachteil aus?

Christoph Schreyer: In der Schweiz auf jeden Fall, weil unser Strommix sehr CO2-arm ist. Sogar wenn der Energiebedarf für die Herstellung des Elektroautos und seiner Batterie berücksichtigt wird, liegen die CO2-Emissionen hierzulande deutlich unter jenen eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor. Aktuelle Ökobilanzen wie unser kürzlich publiziertes Faktenblatt zeigen eindrücklich: Der ökologische Vorteil von Elektromobilen fällt umso grösser aus, je umweltfreundlicher der geladene Strom ist. Beim Fahren mit Strom aus fossiler Energie dauert es deutlich länger, bis die Klimabelastung wieder ausgeglichen wird, die durch die Produktion des E-Autos samt Batterie entsteht.

Christoph Schreyer, Leiter Mobilität beim Bundesamt für Energie

Christoph Schreyer, Leiter Mobilität beim Bundesamt für Energie

 

Fürs Laden des Elektrofahrzeugs zu Hause kann man das Stromprodukt heute vielerorts wählen, beim Laden an öffentlichen Ladestationen hingegen nicht. Welche Möglichkeiten gibt es dort, die Ökobilanz des Elektroautos zu beeinflussen?

Erfreulicherweise bieten heute schon die meisten Betreiber von Ladestationen – darunter alle grossen Anbieter – von sich aus erneuerbaren Strom an. Ausserdem können die Fahrerinnen und Fahrer von Elektroautos mit der Ökostromvignette die gewünschte Menge erneuerbaren Strom kaufen. Dabei handelt es sich um Strom, der das Schweizer Qualitätszeichen «naturemade star» trägt. Es bürgt für die Einhaltung strenger ökologischer Kriterien.

Sind Herr und Frau Schweizer «grüne» Stromkonsumenten, wenn es darum geht, die ökologische Qualität ihres Stroms zu wählen?

Bereits rund ein Drittel aller Schweizer Haushalte wählt bewusst Stromprodukte aus erneuerbaren Energien. Wenn die Konsumentinnen und Konsumenten mit diesem Strom auch ihr Elektroauto laden, sind sie sehr umweltschonend unterwegs.

Der Branchenverband auto-schweiz geht davon aus, dass bei den Neuwagen die Zahl von Elektroautos und Plug-in-Hybriden in den kommenden Jahren rasant wachsen wird. Nehmen wir an, die Fahrerinnen und Fahrer der E-Autos entscheiden sich für Ökostrom. Ist das Angebot an Ökostrom überhaupt gross genug, um die zusätzliche Nachfrage zu decken?

Ja. Die Umstellung auf die Elektromobilität erfolgt ja nicht von heute auf morgen, sondern Schritt für Schritt. Und genauso etappenweise nimmt die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien zu. Die Energiestrategie 2050 sieht hier einen markanten Ausbau vor. Gleichzeitig werden andere Stromverbraucher wie Elektrogeräte oder Heizungen immer effizienter, sodass der erneuerbare Strom für mehr dieser Verbraucher ausreicht. Zudem gibt es ein europäisches System für Herkunftsnachweise. Dadurch kann die Schweiz bei Bedarf auch Strom aus erneuerbaren Energien importieren. Die Aufsichtsorganisation Association of Issuing Bodies (AIB) überwacht dabei, dass nur so viele Herkunftsnachweise gehandelt werden, wie im europäischen System registriert sind.

Der ökologische Mehrwert ist das eine. Doch wie sieht es physikalisch aus: Wird die Schweiz heute und morgen über ausreichend Strom für die Elektromobilität verfügen?

Ja, sowohl heute als auch morgen. Das Bundesamt für Energie (BFE) hat mit einer Analyse die Stromversorgungssicherheit der Schweiz untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die sichere Versorgung mittel- und langfristig gewährleistet ist, solange die Schweiz über genügend Leistungsreserven verfügt und in den europäischen Markt integriert bleibt. Als zusätzliche Sicherheitsmassnahme schlägt das BFE eine sogenannte Speicherreserve vor.

Sind die Stromnetze in der Schweiz so ausgelegt, dass sie die Belastung durch die Elektroautos bewältigen können?

Grundsätzlich ja. Denn Elektrofahrzeuge werden grösstenteils anders «betankt» als Autos mit Verbrennungsmotor: Während sie parkiert sind – und das sind Elektroautos wie alle Autos heute mehr als 23 Stunden am Tag – lassen sie sich langsam und netzschonend laden. Schon heute beziehen die Elektroautos nicht alle gleichzeitig Strom aus dem Netz. Mit intelligenter Ladeinfrastruktur können die Ladevorgänge künftig noch viel stärker bedarfsgerecht gestaffelt und dadurch auch besser auf die aktuelle Belastung des Netzes abgestimmt werden. Deshalb sind voraussichtlich höchstens lokale Netzverstärkungen notwendig.

Elektroautos sind künftig nicht nur ein Verbraucher von Strom aus erneuerbaren Energien. Sie können auch als Speicher dienen und so helfen, das Stromnetz zu stabilisieren. Als wie gross erachten Sie dieses Potenzial?

Es gibt zwar bereits verschiedene Pilotprojekte auf diesem Gebiet. Doch das Potenzial ist noch schwierig abzuschätzen. Denn damit die Elektroautos als Stromspeicher dienen können, müssen gleich mehrere Voraussetzungen erfüllt sein: Erstens braucht es eine hohe Anzahl Elektrofahrzeuge und eine intelligente Ladeinfrastruktur. Zweitens müssen die E-Autos bidirektionales Laden ermöglichen, also Strom ins Netz zurückspeisen können. Drittens ist erforderlich, dass die E-Autos auch tagsüber an Ladestationen angeschlossen sind. Und nicht zuletzt braucht es finanzielle Anreize, damit die Besitzerinnen und Besitzer ihre Elektromobile als Speicher zur Verfügung stellen.

Wie trägt der Bund dazu bei, dass die Elektromobilität in der Schweiz an Fahrt gewinnt – und zwar auf eine möglichst ökologische Weise?

Derzeit arbeiten wir zusammen mit allen wichtigen Playern der Branche an der Roadmap Elektromobilität 2022. Sie hat das ambitionierte Ziel, den Anteil von Elektrofahrzeugen (batterieelektrische Fahrzeuge und Plug-in-Hybride) an den Neuzulassungen bis 2022 auf 15% zu erhöhen. Weiter unterstützt der Bund die Elektromobilität durch verschiedene Massnahmen und Anreize, die er in seinem Bericht zur Elektromobilität beschreibt. Ein wichtiges Instrument sind etwa die CO2-Emissionsvorschriften für Personenwagen. Sie setzen starke Anreize für den vermehrten Absatz von E-Autos. Ausserdem sind Elektromobile von der Importsteuer für Neuwagen von 4% befreit und müssen im Moment noch keinen Beitrag an die Benutzung der Strasseninfrastruktur leisten. Zusätzlich fördert der Bund den Absatz effizienter Fahrzeuge mit Hilfe der Energieetikette und der Aktivitäten von EnergieSchweiz. Nicht zuletzt führt das Bundesamt für Strassen derzeit ein Bewerbungsverfahren für den Betrieb von Schnellladestationen auf Rastplätzen entlang der Nationalstrassen durch. Eine der Anforderungen lautet, dass der zum Laden von Elektroautos angebotene Strom zu 100% aus erneuerbarer Schweizer Produktion stammen muss.

Welche Aufgaben für die ökologische Mobilität sehen Sie bei den Energieunternehmen?

Sie sitzen an einer Schlüsselstelle. Durch innovative Produkte und Gesamtlösungen für ihre Kundinnen und Kunden können sie einen wesentlichen Beitrag hin zu einem nachhaltigen Mobilitätssystem leisten – etwa durch Ladestationen für zu Hause und eine öffentliche Ladeinfrastruktur in ihrem Versorgungsgebiet.

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Comments

  1. Avatar Mäder Hubert sagt:

    Guten Tag,
    Das Elektromobilität eine gute Sache ist steht ausser Frage.
    Das aber unser Netz genügend ist ,ist eine Falschaussage.
    Es müssen vorallem die regionalen Netze für Milliardebeträge
    nachgerüstet werden.Man sollte vorallem die Entwicklung von
    wasserstoffbetriebenen Fahrzeugen nicht vergessen.Zentrale
    Produktion,keine flächendeckende Netzausbauten und vorallem
    keine Batterienproduktion wo das Entsorgen noch nicht einwandfrei
    geklärt ist.( fragt mal Renault).In der Industrie sollte laut EU-Gesetz das
    Kobald eleminiert werden.Fakt ist das die Preise für Kobald um 30-40 %
    gestiegen sind und in einer Hochleistungbatterie ( Tesla ) bis zu 70 kg Kobalt
    verbaut wurde.Ebenso werden in Hochleistungsaluminium Gehäusen Stoffe
    verbaut welche vor 3 Jahren aus Umweltschutzgründen verboten wurden.
    Diese Gehäuse braucht man für die Auto-Elektromotoren.
    Also,nicht nur Auf Elektroautos bauen.

    Gruss H.Mäder
    v

    • Avatar Nadja Wirth sagt:

      Guten Tag Herr Mäder
      Besten Dank für Ihren Kommentar.
      Dessen sind wir uns bewusst, weshalb wir auch nicht nur auf die Elektromobilität, sondern auch auf die Gasmobilität setzen. Die Entwicklung von wasserstoffbetriebenen Fahrzeugen verfolgen wir ebenfalls aufmerksam. Leider hat aber, wie Sie es auch beschreiben, jede Mobilitätsform Vor- und Nachteile. Deshalb legen wir Wert auf alternative Antriebstechniken, die vorwiegend auf Nachhaltigkeit und Ökologie setzen. Dass es auch dabei noch einige Herausforderungen und viele Fragestellungen gibt, ist uns bewusst.
      Freundliche Grüsse
      Nadja Wirth