Flexibilität im Energiesystem: zwei Pilotprojekte bei Energie 360°
Flexibilität ist der Schlüssel für ein stabiles Stromnetz mit hohen Anteilen erneuerbarer Energie. Bei Energie 360° wird dieser zukunftsweisende Ansatz in zwei Pilotprojekten konkret.
Publiziert 28.01.2026 Lesedauer 4 minIn einer Welt, die zunehmend auf erneuerbare Energien setzt, wird Flexibilität zum Schlüsselfaktor für eine stabile und effiziente Stromversorgung. Entscheidender Faktor dabei ist die Fähigkeit des Energiesystems, Erzeugung und Verbrauch intelligent aufeinander abzustimmen – besonders wichtig bei der stark schwankenden Produktion aus Photovoltaik und Windkraft. Ein flexibilisiertes System entlastet die Netze, erhöht den Eigenverbrauch und hilft langfristig, Kosten für teure Netzausbauten zu senken.
Flexibilität richtig einsetzen: lokal und fürs Netz
Doch Flexibilität ist nicht gleich Flexibilität. Sie zeigt sich in zwei wesentlichen Dimensionen: der arealdienlichen und der netzdienlichen Flexibilität. Die arealdienliche Flexibilität zielt darauf ab, den Verbrauch eines Gebäudes oder Areals optimal an die eigene Stromerzeugung – etwa einer Photovoltaikanlage – anzupassen. So wird möglichst viel Solarstrom direkt vor Ort verbraucht, statt ihn ins Netz einzuspeisen oder bei Bedarf teuer daraus zu beziehen. Die netzdienliche Flexibilität geht einen Schritt weiter: Hier stehen die Stabilität und die Entlastung des gesamten Verteilnetzes im Zentrum. Durch gezielte Steuerung von Verbrauchern wie Wärmepumpen oder Ladeinfrastruktur können kritische Lastspitzen vermieden werden – verursacht beispielsweise durch viele gleichzeitige Ladungen von Elektroautos oder die hohe Rückspeisung von Solarstrom. Eine im Oktober 2025 publizierte Studie der ETH Zürich zeigt: Durch die Nutzung solcher Flexibilitätspotenziale könnten 10 bis 25 Prozent der Kosten für den zukünftigen Netzausbau eingespart werden.
Aus diesen theoretischen Vorteilen werden bei Energie 360° konkrete Projekte. In zwei wegweisenden Pilotvorhaben am neuen Hauptsitz erprobt das Unternehmen, wie Flexibilität in der Praxis funktioniert und Mehrwert generieren kann.
Pilotprojekt 1: E-Flotte intelligent laden mit Solarstrom
Das erste Projekt nimmt eine der grössten und am schnellsten wachsenden elektrischen Lasten in den Fokus: die Elektromobilität. Im Pilotprojekt «Smart Charging» wird die Ladeinfrastruktur für die firmeneigene E-Auto-Flotte am Hauptsitz intelligent gesteuert.
Ziel dabei ist, die Fahrzeuge genau dann zu laden, wenn viel günstiger Solarstrom von der hauseigenen PV-Anlage zur Verfügung steht oder wenn der Netzstromtarif niedrig ist. In beiden Fällen nutzt das System tiefere Stromkosten. Solch intelligentes Lademanagement kann helfen, einen kostspieligen Ausbau eines Netzanschlusses zu vermeiden.
Laden nach Bedarf – automatisch, priorisiert und ohne Einschränkungen
Was bedeutet das für die Mitarbeitenden? Sobald ein Firmenfahrzeug angesteckt wird, übernimmt ein intelligentes System die Steuerung. Es kann den Ladevorgang verzögern, drosseln oder kurz unterbrechen. Dafür erstellt es aus Erfahrungswerten eine Prognose, bis wann dieses Auto geladen sein muss. Die Planung erfolgt automatisch und priorisiert nach Dringlichkeit, ohne dass die Mobilität der Nutzenden beeinträchtigt wird. Für Eilige steht weiterhin eine öffentliche Schnellladesäule zur Verfügung.
Hinter der Steuerung steckt die Technologie des Empa-Spin-offs Kuafu. Sie erkennt die über RFID (automatische Identifizierung mittels Funkwellen) angeschlossenen Fahrzeuge und trifft basierend auf historischen Daten eine Annahme, wie lange sie stehen und wie viel Strom sie benötigen werden. Erste Auswertungen zeigen: Allein durch diese intelligente Nutzung der Flexibilität in der Ladeinfrastruktur lassen sich die Ladekosten um mindestens 10 Prozent senken. Dieses Projekt ist ein Paradebeispiel für arealdienliche Flexibilität, die den Eigenverbrauch optimiert und den Betrieb wirtschaftlicher macht.
Pilotprojekt 2: Flexibilität fürs Verteilnetz abrufbar machen
Während das erste Pilotprojekt innerhalb des Areals wirkt, schlägt das zweite Vorhaben die Brücke zum öffentlichen Netz. In einem Smartgridready-Demonstrationsprojekt testet Energie 360° gemeinsam mit einem Verteilnetzbetreiber, wie die Flexibilität eines Areals – die zum Beispiel in der Elektromobilität schlummert – auch netzdienlich zur Verfügung gestellt werden kann.
Smartgridready: standardisierte Kommunikation mit dem Netzbetreiber
Konkret geht es um die technische Ausarbeitung und Standardisierung der Kommunikation zwischen der Technologie von Kuafu und dem Netzbetreiber. Der Netzbetreiber soll in Zukunft bei Bedarf – etwa bei drohender Netzüberlastung – gezielt Flexibilität anfordern und abrufen können. Das Unternehmensareal mit seiner Ladeinfrastruktur und weiteren künftigen Assets wie einem Batteriespeicher würde dann als flexibler Baustein im Gesamtnetz dienen.
Das Projekt durchläuft mehrere Schritte: von der Definition der technischen Schnittstelle über die Entwicklung der Kommunikationsprotokolle bis hin zur praktischen Erprobung, wie das Energiemanagementsystem (EMS) auf Abrufe seitens des Netzbetreibers reagiert. Die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Smart-Charging-Pilot fliessen hier direkt ein. Dieses Projekt ist ein zentraler Schritt, um die netzdienliche Flexibilität marktreif zu machen und einen Beitrag zur dringend benötigten Standardisierung in der Branche zu leisten. Der Testbetrieb läuft ab 2026.
Vom Pilotprojekt zum Produkt: der Weg in die Zukunft
Beide Pilotprojekte sind mehr als nur unternehmensinterne Tests. Sie sind Validierungen von Lösungen in der Praxis, deren Erkenntnisse direkt in zukünftige Produkte und Dienstleistungen von Energie 360° und ihrer Tochtergesellschaft Smart Energy Link (SEL) einfliessen. Das Empa-Spin-off Kuafu hat dank dieser praktischen Anwendung seinen Markteintritt geschafft, SEL schärft in Partnerschaft mit Kuafu ihr Portfolio. Die gewonnenen Daten und Erfahrungen helfen, Entscheidungsgrundlagen für die Erweiterung des dezentralen Energiesystems – zum Beispiel Batteriespeicher – zu erarbeiten und tragfähige Geschäftsmodelle für komplexe Energiesysteme zu entwickeln.
Die Beispiele zeigen: Flexibilität ist kein abstraktes Zukunftskonzept, sondern wird bei Energie 360° erprobt und gelebt. Am Hauptsitz baut das Unternehmen die Brücke zwischen arealdienlicher Optimierung und Netzdienlichkeit für die Stabilität des Gesamtsystems – und arbeitet so daran, die flexible, erneuerbare Energiezukunft Realität werden zu lassen.
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