Integrale Energielösung: Wie das Erdreich als Energiequelle und Speicher dient

Sie ist ein Leuchtturm für die Energiezukunft – die integrale Energielösung des neuen Areals Lancy-Pont-Rouge in Genf. Ob sich diese Energielösung in kleinerem Massstab auch anderswo realisieren lässt und warum der Untergrund bei Arealen eine immer grössere Rolle spielt, erklärt Dominique Perritaz, Projektentwickler Energielösungen Westschweiz von Energie 360°.

Für Grossimmobilien und Areale in der ganzen Schweiz realisiert Energie 360° die Energielösungen. Ist das Projekt Lancy-Pont-Rouge für Sie also Courant normal?

Dominique Perritaz: Auch wir betreten mit einem Energiesystem dieser Grösse neues Terrain. Selbstverständlich kommt uns dabei das Know-how zugute, das wir in den letzten Jahren aufgebaut haben – etwa im Bereich der integralen Energielösungen, bei denen wir das Energiesystem ganzheitlich konzipieren und realisieren. Gleichzeitig hält dieses Leuchtturmprojekt neue Aufgaben für uns bereit, besonders die saisonale Energiespeicherung im Erdreich.

Dominique Perritaz und Marc Isler vor der Energielösung Lancy-Pont-Rouge in Genf

Gemeinsam: Marc Isler, Leiter Energieeffizienz Westschweiz von Bouygues Energies & Services InTec mit Dominique Perritaz, Projektleiter Energielösungen Westschweiz von Energie 360°.

 

In vielen Städten entstehen derzeit neue Areale mit einer grossen Zahl von Wohn- und Gewerberäumen. Was bedeutet dieser Trend für die Energieversorgung?

Solche Areale mit einer gemischten Nutzung stellen eine riesige Chance dar, die Schweizer Energieversorgung in Richtung der Energiestrategie 2050 weiterzuentwickeln. Wenn mehrere Gebäude durch ein gemeinsames Energiesystem vernetzt sind, lässt sich der Bedarf an nicht erneuerbaren Energien viel einfacher und günstiger verringern als für einzelne Gebäude. Gleichzeitig erleichtern es Areallösungen, sich den dynamischen Nutzungsansprüchen anzupassen. Der Bedarf an Wärme, Kälte und Strom wird sich in den nächsten Jahrzehnten stark verändern. Die Treiber dafür sind etwa der Klimawandel, die Digitalisierung, bessere Gebäude und neue Ansprüche der Nutzer – unter anderem wegen der Elektromobilität. Eine konkrete Prognose ist noch kaum möglich. Doch die Areallösungen lassen sich so auslegen, dass der Umgang mit den Unsicherheiten einfacher wird.

Bei der integralen Energielösung fürs Quartier Lancy-Pont-Rouge nutzen Sie den Untergrund. Spielt er bei grossen Arealen generell eine wichtige Rolle?

Ja, und zwar gleich aus mehreren Gründen. Der Untergrund dient erstens als Energiequelle für die Wärme- und Kälteversorgung mit Wärmepumpen. Er lässt sich zweitens als saisonaler thermischer Speicher nutzen, um die Abwärme vom Kühlen im Sommer fürs Heizen im Winter zu verwenden. Nicht zuletzt befinden sich die Leitungen der integralen Energielösungen und manchmal auch die Energiezentralen im Untergrund.

Könnte der Untergrund in Städten knapp werden, weil ihn viele öffentliche und private Stakeholder nutzen wollen?

Diese Gefahr besteht tatsächlich. Bei diesem Projekt etwa gab es einen räumlichen Konflikt zwischen den Bohrungen für das statische Fundament der Hochhäuser und den Bohrungen für die Erdsonden. Als Konsequenz daraus wurde das Energiesystem um eine weitere Wärmequelle ergänzt – Abwärme aus Abwasser. Damit hat die ursprüngliche Knappheit im Untergrund zu einer idealen Lösung geführt. Das Beispiel zeigt: Es ist äusserst wichtig, bei der Arealentwicklung in einer frühen Planungsphase das Energiekonzept zu erarbeiten. So lässt es sich mit den kantonalen und kommunalen Zielen der Richtplanung synchronisieren und mit dem Architekturkonzept in Einklang bringen. Es entstehen energetisch optimierte, nachhaltige Areale. Deshalb empfehlen wir Bauherren und Arealentwicklern, uns frühzeitig einzubeziehen, damit wir für sie die langfristig beste Energielösung entwickeln, realisieren und betreiben können.

Sie haben erwähnt, dass das Energiesystem des Areals Lancy-Pont-Rouge für Energie 360° ein Leuchtturmprojekt ist. Können Sie die Energielösung in kleinerem Massstab nun auch anderswo realisieren?

Das Energiesystem des Areals «Lancy-Pont-Rouge»

Das Energiesystem des Areals «Lancy-Pont-Rouge» zeigt schon heute, wie nachhaltig die Wärme- und Kälteversorgung in der Stadt der Zukunft funktioniert.

Hier in Genf haben unser Partner Bouygues Energies & Services InTec und wir optimale Rahmenbedingungen vorgefunden, um eine solche Energielösung zu realisieren. Einerseits ermöglichte die grosse Nutzfläche eine hohe Anzahl Erdsonden. Andererseits halten sich der Wärme- und der Kältebedarf durch den Mix von Büro- und Wohnräumen ungefähr die Waage – eine ideale Ausgangslage für die saisonale Energiespeicherung. Nicht zuletzt lässt sich ein ganzheitliches Energiesystem bei Neubauten meist einfacher umsetzen als bei Bestandsbauten. Der hier in Genf gewählte Ansatz lässt sich, auf die jeweilige Situation adaptiert, genauso für andere, kleinere Areale anwenden.

Die Art der Energielösung ist also tatsächlich eine Standardlösung der Zukunft für gemischte Areale – nämlich die Verbindung von Heizen und Kühlen, die Nutzung des Erdreichs und die saisonale Speicherung. Wir nutzen die Erfahrung von jedem Projekt für alle künftigen. Am Anfang steht immer eine sorgfältige Analyse der Ausgangslage. Unser Ziel lautet, das individuelle Kundenbedürfnis in eine massgeschneiderte Energielösung zu verwandeln. Dabei setzen wir auf erneuerbare Energien und smarte Technologien.

Apropos smart: Was bedeutet die Digitalisierung für die Energieversorgung der Zukunft?

Vor allem für Hauseigentümer schafft die Digitalisierung ganz neue Möglichkeiten. Dank smarter Steuerungen können sie sich zu einem hohen Anteil mit eigener Energie versorgen. Mehr noch: Mit Technologien wie der Blockchain lässt sich selbst produzierte Energie sogar direkt an andere Konsumenten verkaufen. Die Vernetzung und die Interaktion machen die Energieversorgung also effizienter. Gleichzeitig werden die Systeme dahinter aber komplexer. Um diese Komplexität zu managen, braucht es Profis. Deshalb bieten wir mit unseren Energielösungen Rundum-sorglos-Pakete aus einer Hand an und decken die gesamte Wertschöpfungskette ab: Beratung, Projektentwicklung, Finanzierung, Realisierung und Betrieb samt technischem und kaufmännischem Facility Management. Dabei arbeiten wir – genau wie für die Energielösung des Areals Lancy-Pont-Rouge – mit lokalen Partnern zusammen.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Bouygues Energies & Services InTec aus?

Gemeinsam entwickeln wir Betriebs- und Instandhaltungskonzepte. Jeder Partner bringt dabei seine Erfahrung ein und übernimmt einen Teil der Aufgaben. So erreichen wir das Ziel eines reibungslosen, ökologisch und wirtschaftlich optimierten Betriebs mit langfristigem Fokus. Das bedeutet auch eine objektbezogene Instandhaltung. Aufgrund der Synergien bei einer solchen Zusammenarbeit streben wir weitere gemeinsame Projekte mit Bouygues Energies & Services InTec an.

Durchdachte Gesamtlösung

Das Areal Lancy-Pont-Rouge in Genf gehört zu den derzeit grössten Immobilienprojekten der Schweiz. Die SBB, der Kanton Genf und weitere Partner realisieren auf einer 230 Hektar grossen Fläche ein neues Quartier mit Wohnungen sowie Büro- und Gewerberäumen. Um ein Areal dieser Grösse zuverlässig und ökologisch mit Wärme und Kälte zu versorgen, ist eine durchdachte Gesamtlösung notwendig. Gemeinsam mit Bouygues Energies & Services InTec realisiert und betreibt Energie 360° das Energiesystem. Die zwei intelligenten Energiezentralen nutzen das Erdreich als Energiequelle und saisonalen Energiespeicher. 2018 wurden die ersten Büro- und Gewerberäume im Quartier bezogen. Rechtzeitig auf diesen Zeitpunkt hin nahm die Hauptenergiezentrale ihren Betrieb auf.

Mehr übers Projekt erfahren

Energielösungen von Energie 360° kennenlernen

Kommentar verfassen*