«Nicht abwägen, sondern handeln. Jetzt!»

Energiewende und Schliessung der Winterstromlücke: Beides ist zu schaffen, wenn wir es jetzt richtig angehen. Felix Grolman über die intelligente Vernetzung der Energiesektoren, die Wichtigkeit unternehmerischer Anreize und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Porträtbild von Felix Grolman, Bereichsleiter Energie und Mitglied der Geschäftsleitung bei Energie 360°.

Herr Grolman, wo liegen momentan die grössten Baustellen auf dem Weg zu einer erfolgreichen Energiewende?

Aus meiner Sicht in der noch nicht realisierten Vernetzung aller notwendigen Elemente. Es gibt nicht diese eine Technologie, diese magische silberne Kugel, in der die Gesamtlösung steckt. Ob Strom, Wärme, Mobilität oder Gebäude: Die Energieanwendungen all dieser Sektoren sind ganzheitlich zu denken. Ihre Verbindung über Sensorik und intelligente Netze ist ein Schlüsselbereich, da Strom- und Energieflüsse immer in Echtzeit erfolgen. Doch die gute Nachricht ist: All die erforderlichen Technologien stehen uns zur Verfügung. Wir können das. Neben ihren digitalen Kompetenzen kann Energie 360° vor allem auch ihre grosse Erfahrung bei Biogas und anderen erneuerbaren Gasen einbringen, um in einer vernetzten Energiewelt für notwendige Ausgleichsleistung zu sorgen.

 

Was sind denn die Gründe, dass noch zu wenige der erforderlichen Aktionen umgesetzt sind?

Weil es, um in Ihrem Bild zu bleiben, eine weitere grössere Baustelle auf regulatorischer Ebene gibt. Wenn wir die Energiewende wirklich schaffen und die Klimakrise meistern wollen, brauchen wir Investitionssicherheit, höhere Anreize für mehr Unternehmertum, weniger Regulation und beschleunigte Entscheidungswege.

 

Stichwort Winterstromlücke: Welche Massnahmen zur Beseitigung einer Unterversorgung sind wirklich zielführend?

Es gibt drei klassische «D» in der modernen Energiewirtschaft: Dekarbonisierung, Digitalisierung und Dezentralität. Letztere ist nach unserer Auffassung auch der entscheidende Faktor, die Winterstromlücke anzugehen. Aus welchen Elementen besteht denn diese Dezentralität? Zunächst mal im dringend notwendigen, ganz starken Ausbau der Solarenergie. Wir haben in der Schweiz allein auf bestehenden Dach- und Fassadenflächen ein Potenzial, das etwa der dreifachen Stromlieferung aus unseren Kernkraftwerken entspricht.* Auch hier braucht es weniger Regulation und mehr Standardisierung. Photovoltaik kann heute sehr einfach und preiswert sein – ohne, dass viel menschliche Arbeitskraft als grösster Kostenfaktor erforderlich ist.

 

Grafische Darstellung von grünem Wasserstoff.

Grüner Wasserstoff ist laut Felix Grolman ein wichtiger Teil unserer Energiezukunft.

Ist die Wärme-Kraft-Kopplung ein weiteres Element?

Im Rahmen der dezentralen Energieerzeugung ergibt es vielfach Sinn, Strom und Wärme gleichzeitig zu produzieren. Im kleineren, vor allem aber im mittelgrossen Massstab – überall dort, wo sich Strom- und Wärmebedarf auf einen relativ engen Raum konzentrieren. Da bieten sich als sehr gute Lösung kleinere Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke an, die zu Anfang noch mit Biogas laufen, später dann mit Wasserstoff.

 

Apropos Wasserstoff: Welches Potenzial steckt im Energieträger H2, um die erforderlichen Stromkapazitäten vom Sommer in den Winter zu verschieben?

Treibt die Schweiz die Nutzung der Sonnenenergie entschlossen voran, wird es zeitweise eine hohe Überproduktion an Solarstrom geben. Nicht nur im Sommer, sondern durchaus auch im Winter um die Mittagszeit. Bei tiefen Aussentemperaturen und wolkenfreiem Himmel lässt sich ausgezeichnet Strom produzieren. Diese Überkapazitäten können dann einerseits in die Pumpspeicherwerke fliessen, andererseits aber auch in die dezentrale Elektrolyse. An mehreren Dutzend Standorten in der Schweiz lässt sich dann grüner Wasserstoff produzieren. Trotz Energieverlust lohnt sich in diesem Szenario die Rückverstromung zur Spitzenlastdeckung.

 

Ist die Herstellung von grünem Wasserstoff bald auch ökonomisch sinnvoll?

Ja. Es dürfte nicht mehr allzu lange dauern, bis Wasserstoff gegenüber fossilem Gas im Preisvergleich nachzieht – gerade wenn man die jetzt anlaufenden internationalen Wasserstoffprojekte in Betracht zieht. Allein im Mittleren Osten werden Unsummen in den Aufbau gigantischer H2-Produktionsstätten investiert – um den sauberen Energieträger via Pipeline oder Tanker an die Orte des Verbrauchs zu bringen. Wasserstoff wird uns nicht alle Energieprobleme lösen können, aber er ist mit Sicherheit Teil unserer Energiezukunft.

 

Portrait von Felix Grolman

Allein auf den bestehenden Dach- und Fassadenflächen der Schweiz gibt es ein Solarpotenzial, das der dreifachen Stromlieferung aus unseren Kernkraftwerken entspricht.

Felix Grolman, Bereichsleiter Energie und Geschäftsleitungsmitglied Energie 360°

 

Ein Viertel des Energiebedarfs in der Schweiz entsteht in privaten Haushalten. Wo ist hier der Hebel zur Umsetzung der Energiestrategie 2050 anzusetzen?

In dicht bebauten Gebieten kann die ökologische Bedeutung von Fernwärmelösungen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden – vorausgesetzt, die Primärenergie stammt aus erneuerbaren Quellen. Wärme aus Seen, Grundwasser oder Kläranlagen, aber auch aus Holzpellets bieten sich an. Wir verkaufen zurzeit 67 000 Tonnen Holzpellets pro Jahr. Wenn wir bei 80 000 Tonnen sind, sparen wir damit eine Million Tonnen CO2 ein.

 

Werden wir die Wende nur schaffen, wenn wir energetisch den Gürtel enger schnallen?

Ich glaube nicht, dass sich die Menschen in der Schweiz bei ihrem Energiekonsum übermässig einschränken wollen. Das wird auch gar nicht notwendig sein, wenn man es richtig macht. Der Hebel, die Energiewende zu schaffen, liegt auch hier wieder in der Vernetzung und in der Effizienz. Wir werden einen Paradigmenwechsel erleben: vom Energieverbrauchenden zum aktiven Teilnehmenden eines Energiesystems. Vom Consumer zum Prosumer. Gebäude ohne eigene Energieerzeugung sind definitiv ein Auslaufmodell.

 

Was kann der Einzelne tun, um die Energiewende für das eigene Zuhause und den eigenen Lebensbereich voranzutreiben?

Oft erwarten die Leute, dass ich sage: Baut eine Solaranlage! Oder etwas in der Art. Doch meine Antwort bei Podiumsdiskussionen lautet jeweils: Esst weniger Fleisch! Der Ressourcenverbrauch und der CO2-Ausstoss, bis ihr euer Steak auf dem Teller habt, ist wirklich exorbitant. Punkto Energiehaushalt ist es für jeden Einzelnen nun wirklich entscheidend, aus der eigenen Komfortzone herauszutreten und konkret etwas zu tun: Die alte Heizung ersetzen, die Gebäudeisolierung an die Hand nehmen oder endlich das lange geplante Solardach realisieren. Nicht länger warten, nicht die Rechnung zum x-ten Mal überdenken und nicht eine fünfte Offerte einholen. Es gilt die Devise: Nicht abwägen, sondern handeln. Jetzt!

 

* 2020 betrug die Stromlieferung aus Schweizer Kernkraftwerken 23,1 TWh (Quelle: Swissnuclear). Schweizer Solaranlagen lieferten 2020 rund 2,6 TWh Ökostrom (Quelle: BFE). Das Bundesamt für Energie schätzt das Produktionspotenzial von Solaranlagen auf Gebäudedächern und an Fassaden auf insgesamt 67 TWh (Quelle: BFE).

 

Wie setzt Energie 360° eine integrale Energielösung um? Das zeigt unter anderem das Stockackerareal in Reinach.

Zum Stockackerareal

 

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