«Ein Start-up aufzubauen ist Knochenarbeit»: Interview mit Jean-Pierre Vuilleumier

Jean-Pierre Vuilleumier ist ein mit allen Wassern gewaschener Profi im Bereich der Start-up-Förderung. Als Gründer von Startup INVEST ist er auch verantwortlich für die Startup DAYs, die am 28. Mai 2019 in Bern stattfinden. Energie 360° wollte von ihm wissen, worauf es bei solchen Start-up-Veranstaltungen ankommt, wie sich Jungunternehmen am besten darauf vorbereiten und was sie unterlassen sollten.

 

Jean-Pierre Vuilleumier, Sie haben 2003 die Investorenplattform Startup INVEST gegründet. Was sind Ihre Ziele damit und wie unterscheidet sie sich von anderen Angeboten in diesem Bereich?
2003 gab es kaum etwas im Bereich der Start-up-Förderung, wie wir sie heute kennen. Unsere Mission war, dieses Ökosystem aufzubauen – und heute natürlich, es weiterzuentwickeln. Wir wollen Start-ups und Investoren unentgeltlich vernetzen. Wir sind eine Non-Profit-Organisation, was uns von fast allen anderen unterscheidet, und investieren auch nicht selber in Jungunternehmen. Dafür organisieren wir mit nur drei Vollzeitstellen Zwei-Tages-Events mit 800 Teilnehmern. Wie viele andere sind auch wir vor allem im Bereich Technologie und Innovation tätig, aber wir haben keine Spezialisierung, sondern bleiben für alle Start-ups offen: Biotech, Medtech, ICT, Fintech, Microtech, Nanotech und so weiter.

 

Weshalb braucht es Start-up-Messen?
Wir würden die Events nicht als Messen bezeichnen. Unsere Veranstaltungen sehen wir als Matchmaking- und Networking-Events. Das heisst, wir wollen den Start-ups eine Chance geben, sich zu präsentieren und die wichtigen Investoren und Unterstützer in ihrem Gebiet zu treffen. Die eigentlichen Verhandlungen und Abschlüsse sind dann die Sache der Investoren und der Start-ups. Eigentlich sind wir eine Dating-Plattform.

 

Welche Start-up-Events gibt es in der Schweiz, und welche sind besonders relevant?
Die Relevanz einer Veranstaltung ist abhängig davon, in welcher Entwicklungsphase sich ein Start-up befindet. Meine Beobachtung ist, dass kostenfreie Events oft nicht viel zu bieten haben. Seit wir für unsere Veranstaltungen eine moderate Teilnahmegebühr verlangen, ist die Qualität der Interaktion während des Events markant gestiegen. Aus meiner Sicht gibt es zu viele Events. Es ist Aufgabe des Start-ups, sich gut zu überlegen, wo sie ihre knappe Zeit investieren wollen.

Die wichtigsten Events sind der START Summit, die Startup DAYs, die NOAH Conference und die IPO DAYs. Der START Summit ist für Studierende sowie Jungunternehmerinnen und -unternehmer geeignet, die kurz vor der Gründung stehen oder kürzlich ihre Firma gegründet haben. Bei den Startup DAYs ist ein bereits gegründetes Unternehmen Teilnahmebedingung. Die NOAH Conference, die nächstes Jahr zum ersten Mal in Zürich stattfindet, ist vor allem für Unternehmen geeignet, die eine Wachstumsfinanzierung suchen. Dort nehmen auch grössere institutionelle Investoren teil. Die IPO DAYs schliesslich sind für Firmen, die mit einem Börsengang liebäugeln.

 

Wie bereitet sich ein Start-up am besten auf eine solche Veranstaltung vor?
Ein Unternehmen sollte immer – nicht nur an solchen Events – seinen Elevator Pitch beherrschen. Hier scheitern viele. Weiter sollten sie eher ein erweitertes Pitch Deck als einen ausführlichen Businessplan bereithaben, das sie bei Interesse weitergeben können. Sie sollten die Events sorgfältig auswählen, und bevor sie sich anmelden, sollten sie das Programm und die Teilnehmer studieren. Besonders wichtig sind Veranstaltungen, an denen es möglich ist, 1:1-Meetings mit den Investoren zu buchen, organisiertes Speeddating gewissermassen.

Weiter sollte das Start-up auf der Event-Website ein solides Profil hinterlegen: Was machen sie, was suchen sie? Das ist ihre Visitenkarte. Sie müssen sich überlegen, welche Investoren sie treffen wollen und weshalb, und vorgängig Termine vereinbaren. Networking heisst auf Menschen zugehen und mit ihnen reden. Das ist harte Arbeit. Wenn man ein tragbares Produkt hat, sollte man es immer dabeihaben. An unseren Events schicken wir auch die Investoren auf die Bühne, damit die Start-ups ihre Gesichter sehen und auf sie zugehen können. Zum Networking gehört weiter, nach der Veranstaltung nochmals bei den Investoren nachzufassen, sich zu bedanken, Folgemeetings zu vereinbaren. Je früher, desto besser, aber spätestens eine Woche nach der Veranstaltung. Die Response Rate ist entscheidend für einen Investor. Vielleicht muss man auch mehrmals nachfassen, hier sollte man keine Angst haben, dass man den Investoren auf den Keks gehen könnte.

 

Wie bereitet man sich auf ein Pitching Battle vor?
Üben, üben, üben. Bei einem Pitch-Training sollte der Trainer oder die Trainerin die Investorenseite – oder sogar die Investoren – gut kennen und wissen, was sie suchen und wie sie ticken. Pitch-Trainer, die ausschliesslich von der Marketing- oder Kommunikationsseite herkommen, sind für solche Trainings leider ungeeignet.

 

Was sind typische Dos und Donʼts an solchen Events?
Neben den Dingen, die ich bereits erwähnt habe – gute Vorbereitung, Beherrschung des Elevator Pitchs, aktiv auf Leute zugehen und so weiter – möchte ich nochmals erwähnen, dass man nicht an möglichst vielen Events teilnehmen soll, sondern an jenen, die relevant sind. Ausserdem sollte man keinen Sales Pitch und keinen Technical Pitch vorbereiten, sondern einen Unternehmens-Pitch. In erster Linie interessiert nicht das Produkt, sondern das Problem, die Magie der Lösung, das Geschäftsmodell, das Gründerteam, das Patent und das bereits Erreichte.

 

Eine ganz andere Frage: Es gibt auch Unternehmen, die einen erhöhten Kapitalbedarf haben, aber nicht technologie- oder innovationsgetrieben sind. Welche Start-up-Förderung gibt es für diese Unternehmen?
Hmm. Nicht viel. Eigentlich nichts. Es gibt in der Tat vor allem Angebote für etablierte Unternehmen oder für Start-ups und KMUs, die sich in irgendeiner Form mit Technologie befassen. Das hat auch mit der Schützbarkeit der Idee zu tun und mit der Skalierbarkeit – also mit den Wachstumsmöglichkeiten.

 

Gibt es zum Abschluss noch etwas, das Sie weitergeben möchten?
Mir scheint, dass es in der Schweiz einen Start-up-Hype gibt. Es wird die Vorstellung vermittelt, dass es eine coole Alternative sei, Unternehmerin oder Unternehmer zu werden. Hier muss ich vehement widersprechen. Ein Start-up im Technologiebereich aufzubauen ist Anstrengung pur, es ist Knochenarbeit – abgesehen davon, dass es auch Glück braucht. Mit Coolness hat das nichts zu tun. Klar ist es schön, selber zu bestimmen und zu tun, was man gerne möchte. Doch oft werden die finanziellen Aspekte komplett ausgeblendet: Woher hole ich das Geld, um etwas zu programmieren? Wie bezahle ich die Löhne im nächsten Monat? Das wird oft etwas zu blauäugig und zu positiv kommuniziert. Start-up-Gründer brauchen einen grossen Durchhaltewillen und die Bereitschaft zur Veränderung. Die meisten erfolgreichen Start-ups haben mit der Zeit ihr Geschäftsmodell geändert und verfügen über ein komplett anderes Produkt und auch ein anderes Team. Letztlich hege ich Bewunderung für Start-ups, die zwar nicht beim ersten Problem kapitulieren, die aber den Mut haben, aufzugeben, wenn der Markt nicht bereit oder interessiert ist – und dann etwas Neues machen.

 

Jean-Pierre Vuilleumier hat an der Universität Fribourg Betriebswirtschaftslehre studiert und war dann zehn Jahre Dozent an der Fachhochschule in Bern. Da Venture Capital zunehmend wichtig wurde, war er erst als Manager eines Venture Capital Fund tätig, anschliessend hat er für die KTI (heute Innosuisse) ins Coaching von Start-ups gewechselt. 2003 wurde die Investorenplattform Startup INVEST gegründet, für die er seither tätig ist. Sie organisiert regelmässig die drei Start-up-Events Venture DAYs, Startup DAYs und IPO DAYs. Nebenberuflich hält Jean-Pierre Vuilleumier Vorlesungen für Jungunternehmer, vorwiegend an der ETH Zürich.

 

 

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