Smarte Infrastruktur: Mit iLocator zum digitalen Zwilling

Ein Schritt näher in Richtung Smart City: Das deutsche Start-up iLocator hat eine Lösung entwickelt, dank der Städte ihre Infrastruktur digitalisieren und so Kosten und Ressourcen sparen können. Energie 360° unterstützt die Innovation durch ihren Smart Energy Innovationsfonds mit Venture Capital.

Bild eines Autos, auf dem ein elektronisches Gerät angebracht ist.

Unterhalts- oder Reparaturarbeiten finden normalerweise dann statt, wenn sie nötig sind. Ein Abwasserschacht wird gereinigt, wenn er verschmutzt ist; ein Strassenbelag wird saniert, wenn er beschädigt ist. Doch wie behält eine Stadt oder eine Gemeinde den Überblick darüber, welche Infrastrukturanlage wann in einem reparaturbedürftigen Zustand ist?

«Viele Städte kennen ihre eigene Infrastruktur und deren Zustand sehr schlecht», sagt dazu Henrik Michaelsen. «So planen sie die Wartungsarbeiten meistens einfach jährlich.» Und dies ganz unabhängig davon, ob ein Wasserschacht oder eine Strasse tatsächlich in einem reinigungs- oder sanierungsbedürftigen Zustand ist. Unnötige Kosten und Umweltemissionen sind die Folge.

 

GPS, Kameras und Sensoren an Fahrzeugen sammeln Daten

Und genau hier setzt Michaelsens und Niels Heeser Nielsens Start-up iLocator an. Zielgruppe sind Verwaltungen, welche die Infrastruktur ihrer Gemeinde genauer kennen wollen, um so Unterhaltsarbeiten gezielter zu planen.  Zu diesem Zweck erstellen die Produkte von iLocator einen digitalen Zwilling der gesamten Infrastruktur wie Strassen, Abwasserschächten oder Randsteinen.

Um diese Daten zu erfassen, nutzt das Unternehmen technische Hilfsmittel wie GPS, Kameras oder Bewegungssensoren. Nun wäre es allerdings ziemlich aufwändig und teuer, das ganze Gemeindegebiet mit solchen Geräten auszustatten. Michaelsen und sein Team setzen stattdessen auf eine clevere Idee: Sie bringen die Messgeräte an Fahrzeugen an, die ohnehin in der Stadt unterwegs sind. Also beispielsweise an Putz- oder Abfallautos.

Bild eines grossen Schlauchs und eines iLocator-Geräts, die auf einem Fahrzeug angebracht sind

Clevere Idee: Die Messgeräte sind an Fahrzeugen des öffentlichen Dienstes angebracht, die ohnehin unterwegs sind.

Verwaltungen sparen 20 Prozent der Unterhaltskosten

Während die Fahrzeuge auf ihrer gewohnten Tour unterwegs sind, sammeln sie nebenbei wertvolle Daten. Diese wiederum speichert iLocator und setzt sie nach und nach in einer Art digitalen Landkarte zusammen. «Man kann sich das vorstellen wie ein riesiges Puzzle», erklärt Henrik Michaelsen. Je länger die Fahrzeuge unterwegs sind, desto umfassender werden die gesammelten Informationen.

Erfasst wird dabei nicht nur der Standort, sondern auch der Zustand. Anhand dieser Daten erkennen die Behörden, wann Unterhaltsarbeiten nötig sind – und wann eben nicht. «Indem sie auf unnötige Unterhaltsarbeiten verzichten, sparen Verwaltungen rund 20 Prozent ihrer Unterhaltskosten», schätzt Michaelsen. Ein weiterer Vorteil: Durch die Erfassung via GPS behält die Verwaltung den Überblick darüber, ob die verantwortlichen Subunternehmen ihre Arbeit auftragsgemäss durchgeführt haben. So behalten die Behörden auch in dieser Hinsicht die Kostenkontrolle.

Screenshot eines Computerprogramms, das eine Luftaufnahme von Gebäude und Strassen sowie Informationen zu deren Zustand anzeigt.

Wie ein riesiges Puzzle: Durch die gesammelten Daten entsteht ein immer umfassenderer digitaler Zwilling der städtischen Infrastruktur.

Know-how in Software und Hardware ermöglicht gesamtheitlichen Blick

Henrik Michaelsen gründete das Start-up iLocator zusammen mit Niels Heeser Nielsen, den er zuvor schon 25 Jahre kannte. «Niels ist ein Hardwarespezialist, mein Background ist die Software», erklärt er. «Unser gemeinsames Knowhow ergänzt sich perfekt und ermöglicht uns einen ganzheitlichen Blick.»

Trotzdem: Einen Markt zu finden für die Innovation war anfangs anspruchsvoll. «Die öffentliche Branche ist tendenziell konservativ und risikoscheu», sagt Michaelsen. Zudem erkannten die beiden Gründer bald, dass sie sich nicht auf den Markt in ihrem Heimatland beschränken konnten. «Die dänischen Städte haben bereits einen recht hohen Digitalisierungsstandard». So hat iLocator 2016 entschieden, vermehrt auch mögliche Kunden in Deutschland anzugehen, da diese laut Michaelsen deutlich mehr Aufholpotenzial haben.

Porträtaufnahme von Henrik Michaelsen, Gründer von iLocator

Henrik Michaelsen, Co-Gründer von iLocator: «Indem sie auf unnötige Unterhaltsarbeiten verzichten, sparen Verwaltungen rund 20 Prozent ihrer Unterhaltskosten.»

Unterstützung durch Venture Capital

Nicht nur in Dänemark und Deutschland, sondern auch in England hat iLocator inzwischen einen Kundenstamm aufgebaut, der auf die Smart-Infrastructure-Lösungen zurückgreift. Doch der Weg hierhin war steinig. Michaelsen warnt andere Start-up-Unternehmer deshalb vor unrealistischen Erwartungen: «Man sollte sich nicht zu stark von Erfolgsgeschichten blenden lassen von Start-ups, die nach einem oder zwei Jahren Millionen verdienten.» Denn die Realität sehe anders in den meisten Fällen anders aus. «Die wichtigsten Eigenschaften, die es braucht, sind Geduld und Ausdauer.»

Und natürlich Investoren, die bereit sind, die Vision des Jungunternehmens zu unterstützen. Einer davon ist der Smart Energy Innovationsfonds von Energie 360°. Damit unterstützt das Schweizer Unternehmen das dänische Start-up mit Venture Capital. Henrik Michaelsen schätzt in der Zusammenarbeit die Professionalität und den gegenseitigen fachlichen Austausch.

Schweizer Kunden hat iLocator bislang noch keine. «Interesse ist vorhanden», erklärt Michaelsen. «Als kleines Unternehmen ist es uns derzeit allerdings noch nicht möglich, Projekte in weiter entfernten Ländern umzusetzen.» Hinzu komme, dass die Schweizer Gemeinden in Sachen Digitalisierung ähnlich fortgeschritten sind wie jene in Dänemark. «Deshalb ist der Bedarf hier nicht ganz so gross wie in Deutschland.»

 

Corporate Venture Capital: das Beste aus zwei Welten

Beim 2015 gegründeten Smart Energy Innovationsfonds handelt es sich um einen Corporate-Venture-Capital-Fonds. Solche Fonds haben das Ziel, die Innovationskraft etablierter Unternehmen durch die Kollaboration mit Start-ups zu verbessern. Denn Alt und Neu ergänzen sich mit ihren unterschiedlichen Stärken: Die Unternehmen befruchten sich gegenseitig und bringen neue Ideen und Produkte gemeinsam voran. Etablierte Unternehmen sprechen Corporate Venture Capital, um an Zukunftstechnologien zu partizipieren und Talente kennenzulernen. Die Start-up-Gründerinnen und -Gründer ihrerseits erhalten – zusätzlich zum Kapital – Zugang zum Netzwerk der etablierten Unternehmen. Dieser Zugang zu Expertinnen und Experten ist für die Start-ups oft entscheidend.

 

Sicherheitsmassnahmen für den Datenschutz

Mit seinen innovativen Lösungen trägt iLocator dazu bei, dass Städte sich mit digitalen Hilfsmitteln zur «Smart City» entwickeln. Das hilft den Verwaltungen nicht nur, Kosten zu sparen, sondern wirkt sich auch positiv auf die Umwelt aus – beispielsweise, weil sie so den Einsatz und damit den CO2-Ausstoss von Infrastruktur-Fahrzeugen reduzieren.

Der Einsatz von Videos oder Sensoren wirft allerdings auch Fragen nach dem Datenschutz auf. «Das ist ein grosses Thema bei uns», bestätigt Michaelsen. Um die Sicherheit der Daten zu gewährleisten, sammelt iLocator nur die für den Unterhalt nötigen Daten und verschlüsselt diese wiederum, sodass sie nur den befugten Personen zugänglich sind. «Ausserdem speichern wir sie ausschliesslich auf Servern in der EU, weil hier diesbezüglich strenge Sicherheitsrichtlinien bestehen.»

 

Zusammenarbeit mit Privatunternehmen für mehr Effizienz

Sechs Jahre besteht das Start-up nun – wie sieht die Zukunft aus? Nachdem sich iLocator zunächst auf die Kundengruppe der öffentlichen Verwaltungen konzentriert hat, sucht das Start-up heute auch vermehrt die Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen. «Wir sind beispielsweise eine Partnerschaft mit dem international tätigen Architektur- und Ingenieurbüro Sweco eingegangen», sagt Michaelsen.

Zusammen mit Sweco entwickeln Michaelsen und sein Team ihre Produkte weiter, um die Infrastruktur von Gemeinden noch genauer zu erfassen. So arbeiten sie derzeit an einer Lösung, um genauere Informationen über die Beschaffenheit von Trottoirs und deren Randsteinen zu beschaffen. «Bisher erfordert dies 15 Personen, die nichts anderes tun als diese Daten zu erfassen». Mit iLocator erfolgt dies automatisch – und die Mitarbeiter haben Zeit, sich auf ihre eigentlich Kernkompetenzen zu konzentrieren. Auch in dieser Hinsicht zielen die Lösungen von iLocator auf einen smarteren Einsatz der Ressourcen.

 

Drei Fragen an Metin Zerman

Metin Zerman ist Investment Manager Smart Energy Innovationsfonds bei Energie 360°.

Metin Zerman ist Investment Manager des Smart Energy Innovationsfonds von Energie 360°.

Weshalb haben Sie sich entschieden, in iLocator zu investieren?

Unsere Investmentstrategie besteht darin, in einer relativ frühen Phase des Start-ups zu investieren, um ihm so eine Anschubfinanzierung zu ermöglichen. Quantitative Daten sind deshalb nicht ausschlaggebend. Viel wichtiger ist für uns die Frage: Wer sind die Menschen dahinter? Ich suche nur nach Unternehmern, die eine Vision verfolgen, auf dem Planeten etwas zu ändern. Daneben spielt natürlich die Frage eine Rolle, ob es für ein Produkt oder eine Dienstleistung einen Markt gibt. Beide Punkte waren bei iLocator erfüllt.

 

Wo sehen Sie das Marktpotenzial von Smart Infrastructure?

Smart Infrastructure war für mich zuerst ein völlig neuer Begriff. Seit unserem Investment sehe ich eine Stadt und deren Infrastruktur jedoch mit ganz neuen Augen. Viele Gemeinden haben Probleme, ihr Infrastrukturmanagement zu digitalisieren. Meistens läuft es noch mit Stift und Papier. Und Daten sind nicht mehr akkurat genug, um Entscheidungen zu treffen. Die Produkte von iLocator bieten eine nachhaltige Lösung, mit der Städte ihre Infrastruktur effizient bewirtschaften.

 

Wie sind Sie zufrieden mit der bisherigen Entwicklung?

Das Start-up ist auf gutem Weg. Zwar wird iLocator in der Schweiz noch nicht verwendet, aber Innovationen machen keinen Halt vor Grenzen. Das Management von iLocator hat sich bewusst dafür entschieden, erstmal in Deutschland Fuss zu fassen. Das ist ein herausfordernder Markt und braucht Zeit. In Schweizer Gemeinden ist die Datengrundlage der Infrastruktur vergleichsweise gut. Trotzdem haben wir iLocator kürzlich mit einem Schweizer Unternehmen zusammengebracht, das die Verkehrsschilder digitalisieren möchte. Es besteht also auch hier ein Potenzial.

 

Wichtige Meilensteine von iLocator

  • 2016 Gründung von iLocator
  • 2017 Erstes Business-Angel-Investment
  • 2018 Der Smart Energy Innovationsfonds beteiligt sich an iLocator
  • 2019 Erste AI-Applikation auf dem Markt
  • 2020 35 Kunden in Dänemark, Deutschland und England
  • 2021 Erste internationale strategische Partnerschaften, erweitertes Produktportfolio mit AI-Lösungen für Strassen, Trottoirs, Entwässerungen sowie Asset- und Task-Management.

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