«Innovation macht nicht an Grenzen halt»

Als erstes Energieunternehmen der Schweiz gründete Energie 360° 2015 einen Fonds, um Innovationen im Energiebereich voranzubringen. Seither hat sich der Smart Energy Innovationsfonds an mehreren Start-ups beteiligt. Ob der Fonds seine Ziele in den vergangenen fünf Jahren erreicht hat, verrät Gründerin Ruth Happersberger, Bereichsleiterin Strategie & Beteiligungen und Mitglied der Geschäftsleitung von Energie 360°.

Wie ist bei Energie 360° die Idee für den Smart Energy Innovationsfonds entstanden?

Ruth Happersberger: Die Stärkung der Innovationskraft ist eines der wichtigsten Themen zahlreicher Unternehmen und gleichzeitig auch eines der komplexesten in der Umsetzung. Vor einigen Jahren öffneten wir unseren Innovationsprozess im Sinne von Open Innovation und entschieden uns als etabliertes Unternehmen ganz bewusst dafür, die Kollaboration mit Start-ups voranzutreiben. Dabei ist unser Innovationsfonds eine Möglichkeit, die Innovationen der Start-ups in unser Haus hereinzuholen. Für den internen Innovationsprozess in festen Unternehmensgrenzen wird die Aussenwelt strategisch genutzt, um das Innovationspotenzial zu vergrössern. In der Schweiz sind wir bis heute das einzige Energieunternehmen mit einem eigenen Fonds zum Fördern von Innovationen.

Mit dem Smart Energy Innovationsfonds wollen wir viel mehr erreichen, als nur Investitionen richtig einzusetzen. Für uns als etabliertes Unternehmen geht es darum, Know-how von aussen zu akquirieren, es zusammen mit dem bisherigen internen Wissen zu kombinieren und daraus Neues abzuleiten. Das ist die echte Herausforderung, der wir uns jeden Tag stellen. Dabei setzen wir ganz stark auf Kollaboration als höchste Form der Zusammenarbeit und der Partnerschaft zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups. Beide Seiten verfolgen engagiert eine gemeinsame Vision und das gemeinsame Ziel des Innovierens. Zusammen werden Ergebnisse – im Sinne von Innovationen – erzielt, welche die etablierten Unternehmen alleine nicht erreichen können. Kollaborationen sind nur dann erfolgreich, wenn die beteiligten Parteien ein gemeinsames Ziel verfolgen müssen oder wollen.

Der Smart Energy Innovationsfonds

Der 2015 gegründete Smart Energy Innovationsfonds unterstützt Start-ups im Energiesektor mit Venture Capital. Es handelt sich um einen Corporate-Venture-Capital-Fonds. So investiert Energie 360° mit dem Innovationsfonds als Kapitalgeber in die Innovationskraft der Energiebranche. Der grundsätzliche Ansatz des Corporate Venture Capital zielt darauf ab, die Innovationskraft etablierter Unternehmen durch die Kollaboration mit Start-ups zu verbessern. Dies scheint überzeugend, denn junge und etablierte Unternehmen haben Stärken und Schwächen, die sich bei der Entwicklung und Vermarktung von Innovationen gut ergänzen. Der Smart Energy Innovationsfonds ist unternehmerisch geprägt und versteht sich als Partner der Gründer und des operativen Managements der Start-ups. Diese profitieren zusätzlich zum investierten Kapital auch von der umfangreichen Expertise, dem persönlichen Engagement und dem hochkarätigen Netzwerk des Innovationsfonds – und hier speziell von den Mitgliedern des Investitionskomitees, das im Start-up-Ökosystem etabliert ist.
Die Hebelwirkung des Ökosystems für Corporate Venture Capital lässt sich als hoch und unerlässlich für den Erfolg von Start-ups einstufen. Diese Community ist gross, stark integriert und vernetzt und kann jederzeit in der erforderlichen Geschwindigkeit auf Unterstützung von Experten zurückgreifen. Die Start-ups erhalten somit Zugang zum Start-up-Ökosystem und gleichzeitig Zugang zu Experten aus unterschiedlichsten Bereichen und Industrien sowie zu Partnern von Energie 360°.

Hat sich die Strategie der Open Innovation bzw. des Corporate Venture Capital bewährt?

Diese Frage kann ich gut und gerne mit Ja beantworten. Wir als etabliertes Unternehmen partizipieren sehr am Innovationserfolg der Start-ups und erhalten frühzeitig Einblicke in die sich abzeichnende Entwicklung innovativer Technologien. Unser vor fünf Jahren gesetztes Ziel haben wir also erreicht. Deshalb machen wir genau so weiter.

Welche Learnings haben die ersten fünf Jahre des Smart Energy Innovationsfonds gebracht?

Kein Start-up funktioniert gleich wie das andere. Wir dürfen uns jedes Mal in neue Geschäftsmodelle hineindenken, müssen den Markt und die Kunden verstehen. Zu unseren weiteren Erkenntnissen zählt in jedem Fall, das Scouting – also die Suche nach passenden Start-ups – nicht auf die Schweiz zu beschränken. Innovation macht nicht an Grenzen Halt. Was unsere eigene Innovationskultur betrifft, führt uns die Zusammenarbeit mit den Start-ups immer wieder vor Augen: Die neuen Arbeitswelten erfordern rasche Veränderungen. Wir können uns für Innovationen nicht mehr lange Zeit nehmen, sondern müssen neue Themen mutiger und mit gesundem unternehmerischem Risiko angehen. Der Innovationsfonds bringt also wie erhofft auch unsere Innovationskultur voran.

Wie hat sich der Smart Energy Innovationsfonds innerhalb der Gründerszene positioniert?

Menschen erreichen gemeinsam mehr als alleine. Die Interaktionen zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups haben eine globale und kollaborative Ausrichtung angenommen. Inzwischen verfügen wir über ein grosses Netzwerk. Viele Hochschulen, Investoren und Start-ups kennen uns. Sie wissen, dass wir kein klassischer Venture-Capital-Investor sind. Doch wir positionieren uns als Kapitalgeber, der den Start-ups zusätzlich Zugang zu seinem Netzwerk sowie zu einer potenziellen Kundenbasis gewährt und sie bei der Weiterentwicklung ihrer Produkte unterstützt. Das kommt bei den Gründern sehr gut an und wird als Mehrwert wahrgenommen.

Gibt es von Ihren Portfoliounternehmen bereits Erfolgsgeschichten zu erzählen?

Ja, zum Beispiel von Distran. Das Start-up hat einen Sensor entwickelt, der Gaslecks in Echtzeit und aus sicherer Entfernung erkennt. Vor wenigen Monaten wurde Distran von einer Jury aus professionellen Investoren und Experten in die Schweizer Start-up-Nationalmannschaft 2020 gewählt und setzte sich damit gegen zahlreiche Mitbewerber durch. Deshalb wird sich das Start-up an einer Roadshow im Silicon Valley hochkarätigen Investoren sowie potenziellen Kunden vorstellen können und somit seine internationale Expansion vorantreiben.

Eine weitere Erfolgsgeschichte ist das Start-up Enersis, das eine digitale Plattform zur Planung und Simulation der Energiewende entwickelt und betreibt. Durch den Big-Data-Ansatz unterstützt Enersis Energieversorger, Städte und Unternehmen bei der effizienten Umsetzung ihrer Strategien zur Dekarbonisierung. Dadurch sind die Kunden unter anderem in der Lage, den komplexen Prozess der urbanen Energiewende transparent und beherrschbar zu machen. Mit diesem Ansatz hat Enersis bereits namhafte Projekte umsetzen können – unter anderem auch für unser Unternehmen.

Was fasziniert Sie an der Arbeit in der Gründerszene?

Ich habe mit Persönlichkeiten zu tun, die nie stillstehen, sich nicht auf vergangenen Erfolgen ausruhen und immer wieder neue Ideen entwickeln, die die Welt jeden Tag ein bisschen besser machen. Erfolgreiche Gründer werden durch ständiges Arbeiten und Erfinden gemacht. Ideen immer wieder zu überdenken, neu zu kalkulieren, anzupassen, zu schärfen und weiterzuentwickeln, sollte Alltag sein. Genau das inspiriert mich.

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