Erneuerbare Energiezukunft als Ziel – trotz Nein zu CO2-Gesetz

Das Nein zum CO2-Gesetz überraschte Michael Reichert, Leiter Regulatory & Transformation von Energie 360°. Im Interview spricht er über die Auswirkungen des Volksentscheids und darüber, wie die Schweiz die Ziele des Pariser Klimaabkommens trotzdem noch erfüllen kann.

Michael Reichert, Leiter Regulatory & Transformation bei Energie 360°, steht an einer Fensterfront und schaut hinaus.

 

Herr Reichert, die Schweizer Bevölkerung hat das CO2-Gesetz an der Urne knapp abgelehnt. Wie schätzen Sie diesen Volksentscheid ein?

Ich bedaure ihn natürlich. Wir als Energie 360° hätten ein Ja begrüsst, weil es unseren Weg in eine erneuerbare Energiezukunft gestärkt hätte. Aber das politische System ist nun mal so, wie es ist – mal gehört man zu den Gewinnern, mal zu den Verlierern. Wie bereits viele Spezialistinnen und Spezialisten mutmassten, umfasste das Gesetz wahrscheinlich zu viele Inhalte. Dieses «Alles oder nichts»-Angebot kam offensichtlich nicht gut an.

 

Hat Sie das Ergebnis überrascht?

Ja, damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe natürlich die Umfragen verfolgt und deshalb vermutet, dass es sehr knapp wird. Trotzdem dachte ich, der Klimawandel sei präsent genug, damit sich eine Mehrheit für das Gesetz ausspricht. Aber wenn das Volk etwas entscheidet, dann hat das seine Gründe. Das muss man akzeptieren – als Bürgerin und Bürger genauso wie als Unternehmen.

 

Wir freuen uns, den Umbau der Energieversorgung trotz des Nein zum CO2-Gesetz voranzubringen.

Michael Reichert, Leiter Regulatory & Transformation bei Energie 360°

Porträt von Michael Reichert, Leiter Regulatory & Transformation bei Energie 360°.

Ist es ein Rückschritt für die Klimapolitik?

Nein, das würde ich nicht sagen. Es hat sich dadurch ja noch nichts verschlechtert. Aber es verzögert natürlich das Vorankommen in der CO2-Reduktion.

 

Was bedeutet der Entscheid für Energie 360°?

Das Gesetz hätte die Mission von Energie 360° unterstützt, indem es die Notwendigkeit der Massnahmen betont und wichtige Rahmenbedingungen geschaffen hätte. Aber wir bleiben unseren Zielen treu und streben eine erneuerbare Energiezukunft an.

 

Massnahmen zur Reduktion von CO2 sind unter anderem wichtig, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens noch zu erreichen. Dem hätte das Gesetz in die Karten gespielt. Welche Anstrengungen sind nun nötig?

Es ist klar: Je mehr Zeit verstreicht, desto schwieriger wird es, diese Ziele noch zu erreichen. Das Pariser Klimaabkommen fordert bis 2050 Netto-Null. Ein Land sollte also nicht mehr CO2 ausstossen, als es selber binden kann. Die Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 halb so viel CO2 auszustossen wie 1990. Heute, 30 Jahre später, sind wir bei einer Reduktion von 14%. Uns bleiben also noch knapp zehn Jahre für die restlichen 36%. Das zeigt deutlich: Es wird sehr schwierig. Mit den aktuellen Massnahmen schaffen wir es nicht.

 

Was braucht es denn konkret?

Ich hoffe, dass der Druck auf die Politik bestehen bleibt und der Ausbau erneuerbarer Energien oder Lösungen auch von politischer Seite noch stärker gefordert und gefördert wird. Zudem braucht es Einzelmassnahmen, wie eine Erhöhung der CO2-Abgaben. Auch eine Flugticketabgabe wäre sinnvoll und der KFZ-Bereich muss revolutioniert werden. Im Gebäudebereich ist in den letzten Jahren schon viel passiert. So ist der Neubaubereich schon richtig vorbildlich und erneuerbare Lösungen sind dort der Standard. Aber die Sanierungsquote und damit der Heizungsersatz müssen unbedingt gefördert werden. Wichtig ist mir, nicht nur auf die Politik zu warten, sondern auch selbst etwas zu tun. Jede und jede von uns kann einen Beitrag leisten.

 

Vor welchen Aufgaben stehen die Gemeinden?

Auch sie müssen nach wie vor eine Netto-Null-CO2-Gesellschaft anstreben. Als Energie 360° unterstützen wir unsere Kundinnen und Kunden bei der Transformation zu erneuerbaren Energien. Dazu bauen wir unsere Geschäftsfelder in grossem Massstab aus. Wir sind in vielen Gemeinden die Energieversorgerin und freuen uns, als Partnerin den Umbau der Energieversorgung trotz des Nein zum CO2-Gesetz gemeinsam voranzubringen.

 

Das CO2-Gesetz war wie ein Fünf-Gänge-Menü.

 

Welche Vorteile bringt dies den Kundinnen und Kunden?

Wir bringen eine grosse Erfahrung ein im Aufbau von Energieverbünden, 2000-Watt-Arealen, Gemeinschaftsanschlüssen an erneuerbare Heizzentralen oder Übergangslösungen bis eine erneuerbare Lösung wie Fernwärme vor Ort ist. Zudem decken wir das Netzthema gesamtheitlich ab. Die Stilllegung der Gasnetze kann so parallel zum Aufbau neuer Wärmenetze erfolgen. Überall dort, wo die Gemeinden weiterhin auf eine Gasversorgung setzen, machen wir diese erneuerbar. Auch bei den Themen Wasserstoff,  synthetisches Gas und Power-to-Gas bauen wir Kompetenzen auf und beteiligen uns an Projekten. Zu guter Letzt sind wir mittlerweile auch im Bereich der Elektromobilität stark aufgestellt und nutzen die Chancen, die sich uns bieten.

 

Wir haben vor allem über die negativen Auswirkungen zum Nein zum CO2-Gesetz gesprochen. Aber ergeben sich daraus auch Chancen?

Das ist schwierig zu sagen. Vor allem, weil das Nein ja aus verschiedenen Ecken kam: Einigen ging es zu weit, anderen war es zu lasch. Ich hoffe, dass sich die Politik nun in einem weiteren Schritt auf Massnahmen fokussiert, die von der breiten Bevölkerung getragen werden. Das CO2-Gesetz war wie ein Fünf-Gänge-Menü – es war zu viel, man verlor die Übersicht. Um in diesem Bild zu bleiben: Ich hoffe, dass nun einzelne Hauptspeisen oder Desserts rausgepickt werden, die einer Mehrheit der Bürgerinnen und Bürgern schmecken.

 

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