«Der Zürichsee hat mich Geduld gelehrt»

Sämi Weidmann ist einer von zehn Berufsfischern am unteren Zürichsee. In aller Herrgottsfrühe zieht er los. Nebst Erfahrung und Wissen ist auch immer eine Prise Glück nötig für den grossen Fang. Ob sich die Kisten heute füllen?

Der Sternenhimmel funkelt wunderschön, kitschig fast. Vor uns liegt spiegelglatt und rabenschwarz der Zürichsee. Sämi Weidmann füllt noch schnell einen Thermobecher mit heissem Kaffee und eine Kiste mit Eis, dann geht’s los: Vom Steg in Stäfa tuckern wir langsam auf den See hinaus. «In den letzten Wochen habe ich für diese Jahreszeit wenig gefangen», erzählt er. Hat er heute mehr Glück?

Mit seinem Fischerboot fährt Fischer Sämi Weidmann auf den Zürichsee.

Mit dem Boot geht’s hinaus auf den Zürichsee.

Gestern Nachmittag hat Weidmann seine Netze gelegt und deren Standorte auf einem Radargerät festgehalten. Nach fünfzehn Minuten schwimmt auf der Wasseroberfläche ein leerer Kanister – jeder Ungeübte wäre in der Dunkelheit daran vorbeigeschippert. Der Berufsfischer aber greift danach und zieht mit ihm den ersten Zipfel des Netzes an Bord.

Frühsport auf dem See

Über eine Winde zieht Weidmann das Netz nun Armlänge um Armlänge ins Boot. Regelmässig hängt er es mit einem geübten Handgriff an eine Stangenvorrichtung, so bleibt alles ordentlich. Er zieht und zieht, und das Boot beginnt, im Rhythmus seiner Bewegungen zu schaukeln. Was leicht aussieht, ist harte körperliche Arbeit, immerhin holt er das Netz aus bis zu 90 Metern Tiefe an die Oberfläche. «So spare ich mir ein Fitnessabo», sagt er und schmunzelt. Sobald ein Fisch im Netz zappelt, löst er ihn flink aus dem feinen Gewebe und schlägt dessen Kopf über die Bootskante. «Davon wollen die Leute zwar nichts wissen, aber das Töten gehört dazu. Wir sind in der Schweiz sogar dazu verpflichtet, das möglichst rasch zu tun.»

Fischer Sämi Weidmann löst einen Fisch aus dem Netz.

Sobald Sämi Weidmann mit dem Netz einen Fisch an Bord zieht, löst er diesen schnell aus dem Netz und töten ihn mit einem Schlag auf den Kopf.

Mit Glück und Geschick zum grossen Fang

Das Netz ist 90 Meter lang, nur sieben Fische haben sich darin verfangen. «Vielleicht ändert sich das aber schon beim nächsten.» Denn obwohl die Netze manchmal nur wenige Meter voneinander entfernt liegen, ist deren Ausbeute zuweilen ganz unterschiedlich.

Jedes Netz markiert Fischer Sämi Weidmann mit einem Kanister.

An jedes seiner Netze bindet Sämi Weidmann einen leeren Kanister. So zieht er sie später zurück an Bord.

Wo man seine Netze legt, ist aber nicht nur Glücks-, sondern auch Erfahrungssache. Sämi Weidmann fischt seit 18 Jahren am Zürichsee und führt den Familienbetrieb in vierter Generation. Er weiss: «Die Schwärme bewegen sich abhängig von der Jahreszeit und der Fischart unterschiedlich.» Je nachdem, welche Art er an Land ziehen will, sind andere Netze nötig: In engmaschigen verheddern sich die kleinen Fische wie Albeli. Bei grossmaschigen hingegen schwimmen sie einfach hindurch. Die grossen Felchen aber bleiben hängen. «Mit der Art des Netzes und der Stelle, wo ich diese platziere, kann ich ziemlich genau bestimmen, welche Fischart und -grösse ich fangen werde.»

Die Fische müssen aktiv ins Netz schwimmen

Es ist kurz vor 6 Uhr, wir sind beim zweiten Netzsatz angelangt. Und dieses scheint tatsächlich ein Treffer zu sein – ein Fisch nach dem andern landet an Bord. Schnell sind die ersten Kisten voll. Weidmann verteilt etwas Eis über die Fische, stapelt eine zweite Kiste darauf, weiter geht’s. «Das ist der beste Fang seit Wochen. Es scheint, als ob sich die Fische wieder mehr bewegen», freut sich Weidmann.

Fischer Sämi Weidmann verteilt Eis über die gefangenen Fische, damit diese frisch bleiben.

Langsam füllen sich die Kisten. Damit die gefangenen Fische frisch bleiben, verteilt Sämi Weidmann Eis darüber.

Anders als bei Schleppnetzen, welche die Fische einfangen, müssen sie bei Weidmanns Steilnetzen selber hineinschwimmen. Das verhindert unter anderem unerwünschten Beifang und macht das Fischen nachhaltig. Wenn sich die Tiere nur wenig bewegen, bleiben die Netze aber beinahe leer. «Es ist natürlich etwas zermürbend, wenn ich jeden Morgen auf dem See bin, aber kaum etwas herausziehe. Damit muss ich umgehen können – der See hat mich Geduld gelehrt.» Über das ganze Jahr gerechnet zieht Weidmann pro Tag etwa 40 Kilogramm Fisch aus dem See. «Heute sind es bestimmt um die 70», freut er sich.

Die gefangenen Fische liegen in Kisten.

Heute ist ein guter Tag: Kiste über Kiste stapelt sich der Fang.

Langsam geht hinter dem Säntis die Sonne auf, der Himmel färbt sich orange, bevor der Tag mit dem Morgenrot erwacht und die ersten warmen Sonnenstrahlen auf den See treffen. Ob er, der jeden Tag auf dem See ist, solche schönen Stimmungen überhaupt noch wahrnimmt? «Klar, sonst wäre ich hier falsch. Ich schätze solche Momente draussen sehr.»

Viele nutzen den See

Theoretisch dürfte Sämi Weidmann im ganzen Zürichsee fischen. Die zehn Berufsfischer des Untersees haben die Gebiete aber untereinander aufgeteilt. «Noch zu Grossvaters Zeiten war das anders: Da war im Vorteil, wer ein schnelles Boot hatte. Denn der war am schnellsten draussen und konnte sich die besten Plätze sichern.» Heute pflegten die Berufsfischer ein sehr gutes Verhältnis. «Wir wissen voneinander, wem wie viel in die Netze geht. Und wenn jemand längere Zeit ohne Ertrag ist, kann er natürlich auch mal in ein anderes Gebiet.» Schliesslich könne ja niemand etwas dafür, wie sich die Fische bewegen.

Aber nicht nur die Fischer nutzen den Zürichsee. Sämi Weidmann stellt fest, dass immer mehr Interessensgruppen den See für sich beanspruchen. «Es ist schwierig, diese alle unter einen Hut zu bringen. Im Sommer muss ich beispielsweise mit dem Auslegen der Netze manchmal bis spät am Abend warten, damit diese beim Absinken nicht in die Schiffsschraube eines Motorbootes gelangen. Andererseits müssen die Ruderer auf meine Kanister achten, mit denen ich die Netze aus dem See ziehe.» Gegenseitiges Verständnis und Kompromisse würden deshalb immer wichtiger.

Entschuppen mit Kartoffelschäler

In der Zwischenzeit ist es hell geworden, der Verkehr auf der Seestrasse wird zum permanenten Nebengeräusch. Wir sind seit mehr als zwei Stunden auf dem See, jetzt geht es zurück an Land. «Ich habe noch zwei Netze, aber die hole ich später. Ich möchte zuerst diese Fische verarbeiten.»

Fischer Sämi Weidmann fährt mit seiner Beute an Land.

Die ersten Netze sind geleert. Damit die Fische frisch bleiben, bringt Sämi Weidmann seinen Fang möglichst schnell an Land.

Zum Entschuppen kommt eine umgerüstete Kartoffelschältrommel zum Einsatz: Sie raspelt den Fischen blitzschnell die Schuppen von der Haut. Als nächstes schneidet Sämi Weidmann mit einer Art kleinen Kreissäge jedem Fisch Kopf und Schwanzflosse weg, bevor sie eine Maschine zu Filets halbiert. Von Hand bessern Sämi Weidmann, sein Vater Küde sowie Gian, ebenfalls gelernter Berufsfischer nach. Seine Fische verkauft Weidmann vor allem an Restaurants, aber auch an Privatpersonen. Im kleinen Laden, direkt neben der Verarbeitung, steht seine Frau Nina hinter der Verkaufstheke.

Fischer Sämi Weidmann beim Verarbeiten der Fische.

Nach dem Entschuppen folgt der nächste Schritt: Sämi Weidmann schneidet die Fische zu Filets.

Sobald die erste Ladung fertig zerlegt ist, fährt Sämi Weidmann nochmal hinaus und holt die letzten Netze ein. Gegen den Abend verteilt er sie wieder im See – was ihn wohl am nächsten Morgen erwartet?

Aus Fischabfall wird Biogas

Jährlich fallen etwa mehrere tausend Kilogramm Fischabfall an. Köpfe, Flossen und Gräte dürfen aber nicht als Tierfutter weiterverwendet werden. Deshalb liefert Sämi Weidmann die Abfälle an eine Biogasanlage – ähnlich wie jene in Bachenbülach. Dort wird aus dem Fischabfall erneuerbares Gas, das zum Heizen, Kochen und Fahren  genutzt werden kann.

 

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