«Güsel» im Zürichsee: Die Taucher räumen auf

Viermal jährlich tauchen im Auftrag von ERZ Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) viele Freiwillige ab, um den Zürichsee zu säubern. Von Glasscherben bis Pet-Flaschen, Velos bis Elektro-Scooter: Was die Taucherinnen und Taucher an der Seeputzete im August alles aus dem Wasser gefischt haben.

Boot auf Zürichsee mit Taucher und Üetliberg.

Anstelle Postkartenwetters präsentiert sich dieser Spätsommertag eher als kühler Herbstvorbote mit Dauerregen. Die Sonne zeigt sich an diesem Samstagvormittag im August nicht eine einzige Sekunde.  «Die Taucher werden ja ohnehin nass», kommentiert ein älterer Mann, der die Szenerie am Utoquai beim Zürcher Bellevue gespannt mitverfolgt. Stimmt schon, allerdings lebt die Seeputzete nicht nur von jenen, die abtauchen. Es braucht auch die Oberflächenhelferinnen und -helfer, die gefundene «Schätze» ans Ufer holen und in einer Mulde entsorgen. Und was da alles zum Vorschein kommt, überrascht. Die Taucherinnen und Taucher finden Kleinkram wie Zigarettenstummel und Scherben, dazu Smartphones, Ringe, Aludosen, Flaschen bis hin zu Stühlen vom Sechseläutenplatz, Bikes und zwei Dutzend (!) Elektro-Trottis. Einerseits verlorene Gegenstände, die der See freigibt, andererseits illegal entsorgter Abfall und leichtsinnig ins Wasser geschmissenes öffentliches Gut.

 

Für einen sauberen Zürichsee

Diego Cintula und Jacqueline Meier vom Wollishofer Tauchershop MIARU gehören zu den Putzete-Pionieren. Sie amten als eine Art «Tätschmeister» des Events. «Bei der ersten Ausgabe 2012 haben wir acht Tonnen Abfall gesammelt», sagt Cintula. Auch Pistolen, Gewehre und Munition hat der Profitaucher schon gefunden. «Waffen machen einen Tauchplatz zum potenziellen Tatort, da musst du sofort die Polizei alarmieren.» Meier stösst unter Wasser ebenfalls immer wieder auf allerhand Dinge, die dort nicht hingehören. «Ich persönlich nehme regelmässig Abfall mit rauf, auch wenn ich privat tauche», sagt sie. «Denn der Zürichsee ist nicht nur ein Tauchparadies, sondern vor allem Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Das gilt es zu schützen.» Zudem ist der See ein schier unerschöpfliches Trinkwasserreservoir, die Energiequelle für Fernwärme- und -kälte und ein wunderbares Erholungsgebiet für Tausende Menschen.

 

Ein Dienst an Natur und Gemeinschaft

Rund 60 Taucherinnen und Taucher sowie Helferinnen und Helfer sind bei einer Seeputzete jeweils dabei. Getaucht wird im Buddy-System, also immer zu zweit. Die Buddys Luca und Markus beispielsweise werden rasch fündig. In der Nähe der Quaibrücke haben sie einen E-Scooter entdeckt. «Abfalltauchen ist schon spannend. Zudem ist es gutes Gefühl, etwas für die Natur zu tun», sagt Luca. Kalt ist den beiden trotz des garstigen Wetters nicht, die Sicht aber sei herausfordernd. «Es ist ziemlich trüb, ohne Taucherlampe siehst du fast nichts.» Diego Cintula fährt mit dem Boot vor und zieht das gefundene Trotti an Bord. Käptn Cintula gibt seinem Steuermann sogleich das Kommando in Richtung Bootsvermietung Lago zu fahren, man habe dort etwas Grösseres gefunden. Es handelt sich um eine mobile Veranstaltungstafel mit Eisenrahmen und Betonsockel. Welche Landratten machen sich die Mühe, solch schwere Dinge erst zum See zu schleppen und anschliessend ins Wasser zu schmeissen?

 

Weniger Abfall im Zürichsee wegen Corona

Die Coronakrise hat sich auch auf die Seeputzete ausgewirkt – allerdings positiv. Markus Salzmann, Leiter Kundendienst + Verkauf bei ERZ, der Organisatorin des Anlasses, zieht Bilanz. «Die Seeanlage war bis Anfang Sommer geschlossen und die Streetparade fand nicht statt. Deshalb haben wir dieses Mal mit rund einer halben Tonne vergleichsweise wenig Abfall aus dem See gefischt.» Und wer schmeisst das Zeugs in den See? «Schwer zu sagen, oft sind es wohl Leute, die frühmorgens nach dem Ausgang auf schlechte Ideen kommen.» Warum? «Vielleicht, weil die soziale Kontrolle nicht mehr so gut funktioniert wie früher. Zudem leben wir in einer 24-Stunden-Gesellschaft, da wird jederzeit und massenhaft konsumiert. Das wiederum führt zu viel mehr Abfall.»

Mann und Taucher beim Utoquai am Zürichsee

Verantwortlich seitens Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ): Markus Salzmann beobachtet die Seeputzete vom Ufer aus.

Markus Salzmann und das ERZ rufen dazu auf, den Abfall in den offiziellen Abfallbehältern zu entsorgen, die ziemlich dicht gesät sind. Für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit. Denn nur so sorgen wir alle dafür, dass uns der Zürichsee als Erholungs- und Lebensraum noch lange erhalten bleibt. Und dass die Taucherinnen und Taucher künftig nur noch die wahren Schätze des Sees entdecken: die Tier- und Pflanzenwelt nämlich, unversehrt und prächtig.

 

Aus dem Zürichsee gefischt: Die Ausbeute der Seeputzete

Die freiwilligen Taucherinnen und Taucher sowie Helferinnen und Helfer haben an der Seeputzete Ende August während sechs Stunden zirka 590 Kilogramm Abfall und Gegenstände aus dem Zürichsee geholt. Gereinigt wurde die Uferzone Utoquai zwischen Quaibrücke und Bootsvermietung Lago – ein Naherholungshotspot. Ein Auszug aus der Liste der gefundenen Gegenstände:

  • 27 E-Trottinetts
  • 9 Velos + E-Bikes
  • 3 Smartphones
  • 2 Kopfhörer
  • 2 Ringe
  • 2 Stühle vom Sechseläutenplatz
  • 1 Gartenstuhl
  • 1 Plakatständer mit Betonsockel
  • unzählige Scherben, Flaschen und Aludosen

 

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