Auf die Reben, auf das Leben: «Wümmet» hoch über dem Zürichsee

Im Leben der Familie Hohl dreht sich alles um die Reben. Weinbauer Hansueli Hohl führt das Stäfner Weingut Rebhalde gemeinsam mit Agi Hohl, bald übernimmt mit Sohn Sven die nächste Generation. Zu Besuch bei der «Wümmet», der Traubenlese am Zürichsee.

Frau in Reben in Stäfa mit Ausblick auf Zürichsee.

Zweite Septemberwoche mitten in den Reben am Lattenberg in Stäfa: Eine Wandergruppe stoppt kurz und sieht dem Treiben in den Trauben zu. «Ist es nicht etwas früh für die `Wümmet`?», fragt eine der Seniorinnen. Eine berechtigte Frage, denn bis vor etwa zehn Jahren nämlich startete die Traubenlese tendenziell eher einen Monat später, also Mitte Oktober. «Der Grund ist der Klimawandel», sagt Winzer Hansueli Hohl. «Wobei wir in anderen Jahren durchaus auch schon früher mit der Lese begonnen haben.» Hohl führt den Familienbetrieb mit Agi und Sohn Sven in der dritten Generation. «Mein Grossvater hat das Gut während des Zweiten Weltkriegs gekauft. Zuerst war das ein richtiger Gemischtwarenladen mit Gemüse, Obst und Viehwirtschaft. Ab den 60er-Jahren hat mein Vater dann komplett auf Reben umgestellt.»

Eine Arbeit mit Blick auf den Zürichsee

Der Weinbauer steht im schmalen Gang zwischen den Rebstöcken, schneidet die Trauben von den Ästen und legt sie in eine Kiste. «Meine ganze Familie hilft mit, dazu einige Pensionärinnen und Pensionäre, die regelmässig dabei sind und andere Leute, die sich etwas dazu verdienen möchten.» Eine schöne, vielleicht etwas archaische Szenerie, die sich an diesem Vormittag im September bietet: Handarbeit am Hang mitten in der Natur mit dem Zürichsee im Hintergrund, der das Gesamtbild zur Postkarte komplettiert. Gesamthaft gehören zehn Hektaren Reben zum Gut. Riesling-Silvaner, Räuschling und Blauburgunder bilden die Hauptsorten des Hohlschen Weinanbaus. «Wir ernten jährlich dreissig bis vierzig Tonnen Trauben. Draus produzieren wir gegen siebzigtausend Flaschen Wein», sagt Hansueli Hohl, dessen Gut zu den grösseren Betrieben am Zürichsee gehört.

Harte Arbeit, eigene Philosophie

«Leere!», ruft Mutter Agi hinter den Reben hervor. Ihre Kiste ist prallvoll mit prächtigen Weintrauben. Sohn Sven rückt an, holt die Ausbeute mit einem grossen «Chratte» ab und transportiert sie am Rücken hoch zum Feldweg. Dort leert er die Trauben in den Erntewagen. Eine anstrengende Aufgabe. «Das gehört dazu, da weisst du am Abend, was du geleistet hast», sagt der Mann, der den Betrieb dereinst übernehmen wird und durchaus als Winzer neuer Schule bezeichnet werden kann. Frankreich, Südtirol, Deutschland, Neuseeland: Hohl Junior war in den letzten zehn Jahren auf Weingütern und in Kellereien auf der halben Welt unterwegs, um das Handwerk von der Pike auf zu lernen. Und um neue Perspektiven zu gewinnen. «Wir befinden uns bereits jetzt mitten in der Umstellung vom konventionellen Anbau zum Biobetrieb», sagt der gelernte Winzer und studierte Weinbautechniker. «Es geht darum, meine eigene Philosophie umzusetzen. Mein Vater ist sehr offen, was neue Ideen betrifft. Das kommt mir natürlich zugute.»

Hohl Junior setzt auf Bio

Der Hauptunterschied zwischen biologischem und konventionellem Weinbau liegt in den Spritzmitteln. «Im Bioanbau musst du zwar öfter spritzen. Allerdings verwenden wir keine systemischen Mittel, die sich im ganzen Pflanzenorganismus festsetzen und keine Herbizide mehr. Wir setzen auf pflanzliche Stärkungsmittel», sagt Sven Hohl. Allerdings: «Kupfer und Schwefel gehören immer noch zum Spritzplan dazu. Aber wir dosieren die Mittel so, dass sie für die Natur kein Problem darstellen.» Denn nicht nur die Reben, sondern auch die Pflanzen rundum sollen blühen und farbig sein, das Gras hoch und die Tierarten vielfältig. «Ein Weinberg soll auch Lebensraum für Tiere und Pflanzen bleiben. Das gilt es zu respektieren.» Nachhaltiger Anbau, mehr Platz für Biodiversität – ein Trend, der in heutigen Zeiten vermehrt zum Zug kommt und nachgefragt ist. Ist Bio beim Wein ein Verkaufsargument? «Nicht zwingend. Für mich geht es eher um meine persönliche Überzeugung.»

Mann lächelt zwischen Rebstöcken

Setzt auf Bio: Sven Hohl übernimmt den Betrieb in einigen Jahren.

Schwierige Bedingungen, grosse Motivation

Klar, wer auf Bio setzt, riskiert, dass die Ernte unter Umständen bescheidener ausfällt. Zudem hängt der Erfolg auch von den klimatischen Bedingungen ab. «Am Zürichsee herrscht ein spannendes, aber schwieriges Klima für den Weinbau. Wir haben hier viel Niederschlag und es ist feucht, was das Ganze erschwert», sagt Sven Hohl. Gerade deshalb gibt es auch kritische Stimmen aus Winzerkreisen, die den eingeschlagenen Weg in Frage stellen. «Das ist für mich Motivation pur, das spornt mich an. Ich will zeigen, dass es funktioniert.»

«Leeren!», tönt es erneut aus den Stauden. Dieses Mal ist es eine junge Frau, die Sven zu sich ruft. Sie heisst Theresa und kommt aus Deutschland. «Es ist spannend, bei einem Produktezyklus von Anfang bis Ende dabei zu sein», sagt sie. Und: «Schön, wie vielfältig die Rebsorten hier am Zürichsee sind. Der Wein kann qualitativ durchaus mit unseren deutschen Weinen mithalten.» Theresa schmunzelt. Sie ist keine gewöhnliche Erntehelferin. Auch sie ist gelernte Winzerin, steckt mitten in ihrem Önologie-Studium – und sie ist Hohl Juniors Freundin. Ganz schön viel Knowhow, das im Weingut Rebhalde ein und aus geht. Einem gewohnt fruchtigen und spritzigen Wein Jahrgang 2020 steht in Stäfa also auch künftig nichts im Weg. Auf die Reben, auf das Leben!

Wein vom Zürichsee: Das Weingut Rebhalde

Das Weingut der Familie Hohl liegt im Westen von Stäfa auf einer Terrasse über dem Lattenberg. Die Winzerfamilie bietet den Wein im Direktverkauf an und beliefert viele Gastrobetriebe und Getränkehändler in der Region. Nebst der Winzerei betreiben Hohls einen Partykeller für Aperos und Feste aller Art.

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