Wenn die Kläranlage im Garten steht

Einmal die Toilette gespült und weg ist – na ja – alles eben. Nicht so bei René Reist und Amelie Böing. Sie filtern Schadstoffe direkt zu Hause aus dem Wasser und gestalten so den Wasserkreislauf neu.

René Reist und Amelie Böing sitzen im Eingang zu Ihrem Tiny House.

Ganz selbstverständlich trennen wir Glas und Papier zur Entsorgung. Wieso nicht auch das Abwasser aus Küche oder Badezimmer? Dieses fliesst in die Kläranlage, wo in komplexen Klärprozessen herausgefiltert wird, was man vorher hätte trennen können.

René Reist, Projektmanager im Eventbereich und Verwaltungsratsmitglied bei der Energie Genossenschaft Zimmerberg, und seine Partnerin Amelie Böing, Webdesignerin, wollen deshalb den Wasserkreislauf neu gestalten. René Reist sagt: «Kanalisation und Kläranlage sind historisch gewachsen und gesellschaftlich sinnvolle Konstruktionen. Schliesslich wollen wir ja das ganze Abwasser nicht einfach in die Umwelt kippen. Es ist aber an der Zeit, das System weiterzuentwickeln.»

Amelie Böing und René Reist in ihrer Tiny House.

Die junge Familie macht Ernst mit dem Wunsch nach einem umweltbewussten Leben.

Unterstützung von der Forschung

Das passende Experimentierfeld für das Projekt bot ihnen ihr Tiny House «Tilla». Während zwei Jahren wohnten die beiden mit ihren Kindern Nuori und Karou sowie Hund Elu in ihrem ausgebauten Wohnwagon. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW in Wädenswil und das Wasserforschungsinstitut EAWAG unterstützten die junge Familie bei der Forschungsarbeit. Gemeinsam entwickelten sie ein System, welches das Abwasser der Tilla direkt trennt.

 

Pflanzen wachsen auf einem eingezäunten Filter.

Der Schlüssel zu sauberem Dusch­ und Küchenwasser: die natürliche «Kläranlage».

Wasserfilter mit Pflanzen

Kot und Urin zu trennen, ist kein Problem: Ein Rohrsystem in der Toilette befördert Flüssig und Fest zu den jeweiligen Behältern – in einem nächsten Schritt werden die Ausscheidungen zu Kompost und Dünger aufbereitet. Wasser spielt in diesem Prozess keine Rolle. «Dieses System ist auch für Spitäler oder Altersheime interessant: Urin liesse sich auffangen, Spuren von Medikamenten kann man herausfiltern. Ihn zuerst mit Wasser wegzuspülen, in die Kläranlage zu leiten und dort von Schadstoffen zu befreien, ist sehr aufwendig. Ausserdem bleiben Rückstände im Wasser.»

 

Aus der Toilette gibt es also erst gar kein Abwasser. Das Dusch­ und Spülwasser aus Badezimmer und Küche sammelt und reinigt die Familie. Ein bepflanzter Abwasserfilter ist der Schlüssel. René Reist erklärt: «Der Filter ist eigentlich eine Simulation der Natur: Zuoberst wachsen Pflanzen. Sie produzieren Sauerstoff für die Mikroorganismen, die im unteren Teil des Filters die Reinigungsarbeit erledigen – wie in einer Kläranlage.» Durch gehäckselte Äste, Holzschnitzel, Humus und Kies fliesst das Wasser in einen grossen Behälter. «Nach diesem Vorgang hat das Wasser zwar noch keine Trinkwasserqualität. Es ist aber soweit gereinigt, dass man es bedenkenlos versickern lassen könnte.»

 

14 000 Liter Wasser gespart

In der Tilla kam die Familie mit rund 2000 Liter Wasser pro Monat aus. Der durchschnittliche Trinkwasserverbrauch bei herkömmlichen Wohnformen pro Kopf und Tag liegt bei rund 140 Liter. Das ergibt 16 800 Liter für eine vierköpfige Familie. In der Tilla sparten René Reist und Amelie Böing folglich jeden Monat mehr als 14 000 Liter Wasser.

 

 

Auf dem Weg zur Wasserautarkie

Dem Projekt standen einige Hürden im Weg. So ist man beispielsweise von Gesetzes wegen verpflichtet, seinen Wohnraum an die Kanalisation anzuschliessen. «Trotz einer funktionierenden Filteranlage mussten wir für die zwei Jahre in der Tilla eine Leitung ziehen und unser gereinigtes Abwasser in die Kanalisation leiten. Solche Vorschriften müssen sich ändern, weil sie Pionierdenken und ­handeln stark einschränken.»

Die zwei Jahre in der Tilla sind um. Und René Reist und Amelie Böing haben viel gelernt, vor allem beim Abwasser. «Ich achte jetzt noch mehr darauf, was ich in den Abfluss schütte. Viele Putz­ und Waschmittel enthalten beispielsweise Mikroplastik, der sich nicht vollständig aus dem Wasser filtern lässt. Also versuche ich, Produkte mit Mikroplastik zu meiden», sagt René Reist.

 

Luftaufnahme von Tiny House Tilla

Tiny House Tilla ist mehr als ein Zuhause. Hier wird auch geforscht.

Als Nächstes möchte die junge Familie gemeinsam mit anderen ein Grundstück bewohnen – und weiter innovative Lösungen für eine nachhaltige Energieversorgung und den schonenden Umgang mit Ressourcen testen. projekt-tilla.ch

 

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