«2040 ist morgen»

Energie 360° formuliert ihr zentrales strategisches Ziel deutlich ambitionierter als noch vor einem Jahr. Neu will das Unternehmen bereits bis 2040 – statt 2050 – ausschliesslich erneuerbare Energie liefern. CEO Jörg Wild erklärt, warum das Unternehmen die Transformation beschleunigen will und was es braucht, damit dies gelingt.

Jörg Wild, CEO von Energie 360°, im Gespräch.

Jörg Wild – wie kam es zur Entscheidung, das vor einem Jahr formulierte Ziel noch ambitionierter zu formulieren?

2050 ist weit weg – zu weit weg, vielleicht auch zu bequem. Die Stadt Zürich als unsere Hauptaktionärin hat mit ihrer Verpflichtung «Netto-Null bis 2040» den Anstoss gegeben. Man muss die Dimension sehen: Wir sind daran, immense Infrastrukturen, die über Jahrzehnte hinweg gewachsen sind, zu verändern. Diese innert 18 Jahren zu transformieren, ist nicht selbstverständlich. Aber es ist enorm motivierend. Uns allen ist nun klar: 2040 ist «morgen». Es bleibt keine Zeit. Wir müssen an allen Fronten voll auf dieses Ziel hinarbeiten. Und das ist gut so.

 

Energie 360° gehört auch den Aussengemeinden.

Für uns ist wichtig, dass wir für alle eine Partnerin sind auf dem Weg der Transformation. Wir haben teils sehr ambitionierte Aussengemeinden – andere wiederum haben andere Ausgangssituationen als etwa die Stadt Zürich. Wir gehen den Weg mit allen Gemeinden in jeweils unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

 

Der Weg der Transformation ist kein gerader. Wo setzen Sie strategische Leitlinien, um den Kurs zu halten?

Fällt man strategische Entscheide, ist es wichtig zu wissen, was man nicht mehr machen will. Und ein Entscheid, den wir gefällt haben, ist: Wir wollen im Grundsatz keine neuen Gasanschlüsse mehr erstellen. Dies selbstverständlich in Absprache mit den Gemeinden. Definieren sie Gebiete, die auch künftig mit Gas versorgt werden sollen – etwa später dann mit Biogas –, dann machen wir dies selbstverständlich weiterhin.

 

Portrait von Jörg Wild, CEO von Energie 360°

Wir brauchen eine Transformation. Wir sind nun alle gefordert, den Tatbeweis zu erbringen.

Jörg Wild, CEO Energie 360°

 

Damit verabschiedet sich Energie 360° von einem Ziel, das das Unternehmen das letzte halbe Jahrhundert geprägt hat.

Genau. Wir fokussieren uns neu. Weg vom Ausbau der Gasinfrastruktur, hin zum Ausbau einer Infrastruktur der erneuerbaren Energien. In Letzteren wollen wir nun rasch weiter Ressourcen aufbauen, um die Transformation zu beschleunigen.

 

Wie geht Energie 360° konkret vor?

Wir wollen gemeinsam mit unseren Kundinnen und Kunden lokale, erneuerbare Energiequellen nutzen. Das ist für die Transformation der Wärmeversorgung ein zentraler Faktor. Indem wir diese Energiequellen erschliessen, können wir dezentrale Energienetze bauen und beispielsweise das Gasnetz zurückbauen. Darüber hinaus wollen wir die Gasversorgung «grün» machen – in denjenigen Netzen, die langfristig verbleiben, soll nur noch Biogas zum Einsatz kommen. Somit haben wir Wachstumsziele für erneuerbares Gas definiert. Dafür wollen wir in der Schweiz Anlagen bauen. Und wir benötigen natürlich auch erneuerbares Gas, welches wir auf dem internationalen Markt beschaffen müssen. Das Puzzleteil, das wunderbar in dieses Bild hineinpasst, ist die Elektromobilität. Sie wird zwar einerseits mehr Strom benötigen, dafür können wir auf eine dezentrale, riesige Speicherbatterie zugreifen, mit der wir das System stabilisieren. Die Elektromobilität kann einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des Gesamtsystems leisten.

 

Das Ziel ist also, ein dezentrales Energiesystem zu schaffen, in dem viele Elemente wie Zahnräder ineinandergreifen. Und damit das übergeordnete Gesamtsystem stabil und sicher zu machen.

Das ist unsere Vision der Energiezukunft. Das Stichwort lautet Sektorenkopplung: Wir analysieren einerseits, welche Energieversorgung ein Areal oder ein ganzes Quartier benötigt, und wir klären andererseits ab, welche nachhaltigen Energiequellen lokal verfügbar sind. Dezentrale Strukturen erhalten so dank intelligenter Steuerung einen hohen Grad an Autarkie und sie interagieren dann systemdienlich mit dem Gesamtsystem. Man wird zwar nach wie vor eine energetische Absicherung brauchen, etwa um die Spitzenlast zu brechen. Doch diese soll so wenig wie möglich genutzt werden müssen und wenn, dann wiederum mit erneuerbarer Energie, etwa Biogas. Dass diese Vision realistisch ist, zeigen wir bereits mit diversen Projekten.

 

Tätigkeitsbericht 2021

Dieser Artikel ist Teil des Tätigkeitsberichts 2021 von Energie 360°. Sie interessieren sich für weitere Inhalte aus dem Bericht? In der Übersicht finden Sie alle Interviews, Reportagen und Beiträge.

Zum Tätigkeitsbericht 2021

 

Wie erklären Sie langjährigen Mitarbeitenden, dass die Welt nun eine andere ist?

Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die ihre bisherige Arbeit mit Stolz und Leidenschaft ausgeführt haben und nun den Wert ihrer Tätigkeit infrage gestellt sehen. Wir arbeiten daran, diese emotionalen Herausforderungen zu meistern und sind meiner Meinung nach auf gutem Weg. Andere Mitarbeitende sind begeistert – sie haben zum Beispiel früher Gasnetze projektiert und brennen nun darauf, in einem autonomen Team Fern- und Nahwärmenetze planen zu können. Beides ist menschlich und nachvollziehbar.

 

Veränderung braucht Kommunikation. Wie gehen Sie vor und wo setzen Sie Prioritäten?

Seit einiger Zeit setzen wir bei den Führungskräften ein Programm namens «Gemeinsam erfolgreich transformieren» ein. Wir diskutieren, geben kritischen Voten genügend Raum. In der Geschäftsleitung ist das Verständnis stark, dass wir unser Führungsmodell weiterentwickeln wollen und uns auch von hierarchisch orientierten Führungsstrukturen verabschieden müssen. Die Transformation haben wir im letzten Geschäftsjahr auch in den Bereichen thematisiert. Ich bin dabei, jedes Team zu besuchen. Dies ist für mich eine sehr wertvolle Erfahrung, weil ich so stets im Dialog mit den Kolleginnen und Kollegen bin. Bei der Gelegenheit erkläre ich unsere Strategie, versuche Bedenken zu entkräften und Chancen aufzuzeigen. Wir alle müssen lernen, mit Unsicherheiten umzugehen und Entscheide zu fällen, ohne die Zukunft genau zu kennen.

 

Eine grafische Darstellung des Leitsterns von Energie 360°

Wie geht Energie 360° konkret vor?

Um die Ökologisierung des Energiesystems voranzutreiben, braucht es neue Ideen. Woher erhalten Sie diese?

Produktseitig entwickeln wir uns stetig weiter entlang der Kundenbedürfnisse. Wir sind gut darin, verfügbare neue Technologien in unsere Lösungen zu integrieren. Darüber hinaus hat Energie 360° gleich mehrere Instrumente, um aktiv Innovation zu betreiben. Wir haben das letzte Geschäftsjahr genutzt, um uns zu fokussieren und um zu verstehen, in welchen Themen wir präsent sein müssen, um in der Transformation weiter voranzukommen.

 

Wie wichtig ist Innovation für Energie 360°?

Innovation ist absolut zentral. Wenn wir 20 bis 15 Jahre zurückschauen, dann war Energie 360° der erste Gasversorger der Schweiz, der Biogas ins Gasnetz eingespeist hat und es so nutzbar gemacht hat in der bestehenden Infrastruktur. In weiteren 15 bis 20 Jahren wird in diese Infrastruktur vielleicht Wasserstoff eingespeist. Entsprechend investieren wir in mehreren Bereichen in die Innovation. Nehmen wir das lab360. Dieses Team hat den Auftrag, Geschäftsmodelle zu identifizieren und zu entwickeln, welche vielleicht mittelfristig wichtig sein können für unser Unternehmen. Mit dem Smart Energy Innovationsfonds treiben wir Themen voran, die wir firmenintern nicht entwickeln können oder wollen. Wir unterstützen etwa Start-ups finanziell, die Leistungen entwickeln, die perfekt zu unserem Portfolio und unserer Strategie passen. Hier investieren wir, um frühzeitig zu verstehen, wie wir diese Leistungen mit unseren kombinieren können. Weiter beteiligen wir uns auch gezielt an Unternehmen, die schon reifer sind in ihrer Entwicklung. Wir sind da bisweilen auch Mehrheitsaktionärin, so dass wir maximal von der Zusammenarbeit profitieren können. Gute Beispiele sind das Unternehmen Smart Energy Link, das Steuerungen für Areallösungen macht, oder etwa Swisscharge.ch,  die ein modulares Leistungspaket für die Elektromobilität anbietet.

 

Innovation als treibende Kraft für die Transformation?

Absolut. Ohne Innovationen gibt es keine Transformation. Doch wir brauchen eine Transformation und entsprechend sind wir nun alle gefordert, den Tatbeweis zu erbringen.

 

Der Nachhaltigkeitsbericht von Energie 360°

Im Nachhaltigkeitsbericht erfahren Sie mehr über unsere Ziele und Sie erhalten einen Einblick, wie wir diese erreichen.

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